Plan B im Schnee

Nachdem unser Herbst nachgereicht werden musste, nun aber: Willkommen im japanischen Winter!

Es ist zwar das zweite Mal für uns, dass wir den Winter in Tokio erleben, aber wie fast alles in diesem Jahr, ist nichts, wie es vorher war. Für uns ist die einschneidendste Veränderung, dass wir nicht wie geplant und wie im letzten Jahr nach Deutschland zu unserer Familie und unseren Freunden fliegen konnten. Schon bevor Deutschland in den erneuten Lockdown gegangen ist, haben wir uns aufgrund der hohen Reiseauflagen und der generellen Risiken gegen die Heimreise entschieden. Was sich mit der gegenwärtigen Entwicklung auch als richtig erwiesen hat, aber das macht es nicht unbedingt leichter.

So mussten wir uns alle erst einmal an den Gedanken gewöhnen, zum ersten Mal keine deutschen Weihnachten zu feiern. Und uns überlegen wie wir möglichst viele Bestandteile deutscher Weihnachten dennoch in unsere Weihnachtszeit in Japan einschleusen.
Letztes Jahr habe ich schon ein wenig darüber berichtet, wie in Japan Weihnachten oder クリスマス (KU-RI-SU-MA-SU) gefeiert wird (Jede Menge Lichter). Es gibt eine Menge wunderschöne Weihnachtsbeleuchtung und auch einige Weihnachtsmarkt-Versuche und wie in Deutschland auch, hört man viel Weihnachtsmusik in den Geschäften, aber das war es im Prinzip auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Was man an Weihnachtsleckereien auch in Tokio zuverlässig kaufen kann, ist ausgerechnet Christstollen. Ich hasse Stollen. Schon immer und mit Überzeugung.
Zum Glück habe ich aber noch von einem kleinen Weihnachtsbasar erfahren, den die Deutsche Kirche in Setagaya jedes Jahr ausrichtet und auf dem man Lebkuchen, Marzipan und Weihnachtsplätzchen kaufen kann. Mit dem Rad voller Einkäufe bin ich von diesem Streifzug vor dem 1. Advent wieder heim gekehrt. So waren wir kulinarisch schonmal etwas gerüstet. Zusammen haben wir dann noch Kerzen und ein bisschen Weihnachtsdeko eingekauft und unseren eigenen Adventskranz – oder eher unser Adventstablett – gebastelt. Und dann kamen zu Beginn der Weihnachtszeit noch ganz zauberhafte Pakete von Familie und Freunden, die keine Wünsche mehr offen ließen, so viele tolle Sachen wie Naschereien, Adventskalender, weihnachtliche „Stehrums“ wie Benni immer sagt, und wichtige Utensilien wie zum Beispiel Glühweingewürz wurden uns geschickt. Wir waren gerührt und bestens versorgt für diese völlig ungewöhnlichen Weihnachtswochen.

Advent, Advent

Weihnachtsessen auf Japanisch

Japan ist ja nun wirklich ein Land mit ganz hervorragendem Essen und mit viel Liebe zum Detail bis in das noch so kleinste Izakaya an der Straßenecke. Da man sich aber mit Weihnachten nicht so richtig auskennt, hat man sich an ausländischen Vorbildern orientiert. Dass es dann aber kulinarisch ausgerechnet amerikanisches Fast-Food werden musste, führt heute zu einem sehr abenteuerlichen Anblick in der Weihnachtszeit: Werbung von KFC mit dem hier berühmten Weihnachtsbucket und anderen festlichen Menüvorschlägen gefühlt an jeder Ecke. Es ist tatsächlich so: in Japan isst man gerne frittierte Hähnchenteile bevorzugt von Kentucky Fried Chicken zu Weihnachten. Vorbestellungen werden schon ab November angenommen und fleißig genutzt. Wie konnte es soweit kommen?

Seit Anfang der 70er Jahre gibt es die Fast Food Kette in Japan und Initiatorin des neuen Weihnachtsbrauchs war wohl eine Frau, die von einem benachbarten christlichen Kindergarten in die nächste KFC-Filiale spazierte, um für die Weihnachtsfeier Essen zu ordern und die die Filialmitarbeiter darum bat, das Essen als Santa verkleidet zu liefern. Selbst ich kann nach allem, was ich bisher von japanischer Servicebereitschaft und Freundlichkeit gesehen habe, sagen, wie dieser Wunsch aufgenommen wurde: Takeshi Okawara, der Filialleiter höchstpersönlich, machte sich als Santa auf zum Kindergarten und war selbstredend ein großer Hit bei den Kindern. So gut kam er wohl an, dass noch andere Schulen ihn dafür anfragten und das Marketing der Firma davon Wind bekam. Seit 1974 bis heute gibt es die großen KFC-Weihnachtswerbeaktionen.
Okawara wurde später übrigens noch für viele Jahre Präsident und CEO von KFC Japan und gibt heute japanisch reuevoll und gleichzeitig bereitwillig zu, in einem Interview seinerzeit geflunkert zu haben, als er gefragt worden sei, ob denn Hähnchenteile tatsächlich eine Weihnachtstradition im Westen sein…

Wer sich schon um seine Hähnchenbestellung zum Fest gekümmert hat, kann nun den zweiten allgegenwärtigen Bestandteil zum Weihnachtsessen besorgen: クリスマスケーキ (KU-RI-SU-MA-SU KEE-KI) – den Weihnachtskuchen, oder eher die kunstvoll verzierte Weihnachtstorte. Diese Tradition folgt eher der generellen Orientierung am Wohlstand und am Einfluss des Westens der Nachkriegszeit. Schokolade und andere Zutaten waren teuer und schwer zu bekommen und dementsprechend etwas Besonderes. Westliche Weihnachten waren mit ihrer ungewohnten Pracht ein Symbol für Wohlstand, da durfte also etwas Außergewöhnliches in Form eines Keeki nicht fehlen. Die typische japanische Weihnachtstorte ist eine runde weiße Sahne-Biskuit-Torte mit Erdbeeren in der Mitte (japanische Flagge und so). Erdbeeren haben hier übrigens so von Winter bis Frühling Saison.

Wir haben auch in unserem zweiten Jahr hier unanständigerweise auf beide essbaren Weihnachtstraditionen verzichtet, aber wenn ich mich mal zu einer von beiden hinreißen lassen, dann definitiv zur Torte. Inzwischen gibt es auch nicht mehr nur Erdbeertorten sondern unfassbar viel Auswahl an wahren Kunstwerken. Nächstes Jahr vielleicht…

Eingang zum Christmas-Garden im Shība-Kōen, eher so zu verstehen wie ein Biergarten mit Weihnachtsdeko
Und mit abenteuerlichem Weihnachtsbaumschmuck..

Tiere und blaue, katzenartige Roboter

Winter ist ja hier in Tokio zunächst mal noch ein halber deutscher Herbst und ab der zweiten Dezemberhälfte können wir dann langsam von Winter sprechen, aber meist immer noch mit sehr schönen bunten Blättern zwischen der Weihnachtsdeko. Wir waren also weiterhin viel draußen und haben versucht, einen Zwischenweg aus coronabedingtem Hausarrest und Frischluft zu erhalten. Die Zahlen sind auch in Japan nicht gut, besser als in vielen anderen Ländern, aber die Entwicklung und damit die Auslastung der Krankenhäuser ist auch hier besorgniserregend. Von einem weiteren Lockdown spricht Premierminister Suga nicht, insgesamt bleiben Maßnahmen hier sehr verhalten. Wozu das führt, wird man dann in den nächsten Wochen an den Zahlen ablesen können. Wenn ich von Hausarrest spreche, meine ich also unsere generelle Tendenz so viel wie möglich zu Hause zu bleiben und wenn wir rausgehen, Massen zu vermeiden. Auf dem Spielplatz geht das zum Beispiel ganz gut kurz vor Dunkelheit oder zum Spaziergehen auch später, dann hat man auch in Tokio etwas mehr Platz und trotzdem frische Luft.

Mit vorangegangener Reservierung sind wir außerdem zum einen in den Yokohama Zoo gefahren, ein sehr großer und schöner Zoo raus aus der Stadt. Nachdem wir schon oft im Ueno Zoo in Tokio waren, aber auch dort dieses Jahr nur einmal, war das für uns alle ein schöner Tag im Grünen und besonders für den kleinen Buben eine mächtige Entdeckungsreise auf der Suche nach seinen Lieblingstieren (ok, es gab diesmal keinen Walhai wie in Okinawa, der hat es ihm auch sehr angetan).

Unser zweiter Ausflug war eine Überraschung zum Geburtstag des kleinen (nun ein wenig größeren) Buben. Die kleine Dame hat herrlich mit geplant und das Geheimnis stolz gewahrt. Er ist nämlich großer Doraemon-Fan. Doraemon ist ein blauer katzenartiger Roboter aus der Zukunft (!), der mit seinem Freund Nobita viele Abenteuer erlebt und seit mittlerweile über 50 Jahren fester Bestandteil japanischer Haushalte ist. Es gab also eine knallblaue Doraemon-Torte und einen Besuch im Fujiko F. Fujio- oder auch Doraemon-Museum in Kanagawa. Fujio ist der Zeichner der Comics und ihm zu Ehren gibt es in dem Museum viele Details zu Doraemons Entstehung zu sehen.

Doraemon!!

Als kleines vorgezogenes Weihnachtsgeschenk haben Benni und ich uns noch eine Kamera gekauft, um die vielen, beeindruckenden Motive auf unserem Japan-Abenteuer zwar immer noch laienhaft, aber nicht mehr nur mit dem Handy einzufangen. Also gibt es jetzt zwar keine Tokio-Weihnachtsbeleuchtung, aber ein bisschen von dem, was man hier wohl normale Alltagsbeleuchtung nennen muss:

Izakaya in Mita/ Minato-ku
Roppongi Hills / Minato-ku
Ginza / Chūō-ku
Thai-Restaurant in Shibaura / Minato-ku

Rückzug in den Schnee

Den Großteil der Weihnachtszeit haben wir also mit ein paar Tricks und Unterstützung ganz erfolgreich in Tokio gemeistert. Es ist natürlich immer noch kein Vergleich zur gewohnten und geliebten deutschen Weihnachtszeit (wer es noch nicht festgestellt hat, ich bin großer und bekennender Fan), aber schön war es trotzdem.
Als wir den Weihnachtsurlaub nach Deutschland schweren Herzens abgesagt hatten, mussten wir uns auch gleichzeitig entscheiden, wie und wo wir die Weihnachtsfeiertage in Japan verbringen wollten. Inlandsreisen waren und sind weiterhin möglich und zum Teil sogar gefördert in Japan. Als wir uns für Hokkaido und damit einen Urlaub im Schnee entschieden, war auch das Reisen in Deutschland noch problemlos möglich, es gab noch keinen Lockdown. Als wir uns dann aber schließlich in den Flieger setzten, sah das schon deutlich anders aus und wir waren trotz Weihnachtsheimweh einfach froh, dass wir diese Auszeit in den Bergen überhaupt nehmen konnten.

Hokkaido ist die nördliche der drei Hauptinseln Japans und ziemlich in der Mitte liegt das Winterwunderland Tomamu auf knapp 600 Metern und mit Skigebieten bis zu 1200 Metern. Unsere Hoffnung war, dass die kleine Dame hier ihren ersten Skikurs machen könnte und wir vielleicht mal abwechselnd oder wenigstens einer von uns beiden kurz Skiluft schnuppern könnte. Wir hatten uns mit dem Club Med für eine internationale Hotelkette entschieden, aber da es in Japan dieses Jahr keinen internationalen Tourismus gibt, haben wir nicht damit gerechnet, besonders viele internationale Gäste oder Angestellte zu sehen. Weit gefehlt. Gefühlt waren alle Gaijin des Landes, die ja genauso wenig wie wir nach Hause fliegen konnten oder wollten, in Tomamu zusammen gekommen und die Angestellten waren aus insgesamt 26 Nationen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich darüber mal so freuen könnte, aber es war schön, nach 1,5 Jahren in Tokio und einem Jahr ohne Auslandsaufenthalt mal nicht aufzufallen, nicht aus der Masse herauszustechen, nicht diskret angeschaut oder heimlich fotografiert zu werden oder einfach das deutliche Gefühl und Bewusstsein zu haben, anders zu sein. Das alles ist nichts, was uns im Alltag als besonders schlimm oder belastend begegnet. Japaner sind im Gegenteil in der Regel sehr rücksichtsvoll und achtsam. Aber wir fallen auf. Immer und überall. Und wenn man nie mal einfach in der Masse untertauchen kann, dann ist das manchmal auch etwas ermüdend. So gesehen hatten wir hier in Tomamu also einen Urlaubsort gefunden, an dem wir uns wirklich erholen konnten von unserem Alltag. Und der ist eben nicht immer so alltäglich.

Und nicht nur das war der Vorteil der Internationalität: die Kinderbetreuung und die damit verbundenen Angebote waren nicht nur großartig, sie waren eben auch international, ein Parkett, auf dem Bube und Dame sich mehr als sicher fühlen mittlerweile. Mit Begeisterung und einem hektischen Abschiedskuss für die staunenden Eltern stürzten sie sich in ihre jeweiligen Gruppen und ließen uns leicht verdattert zurück. Nachdem wir die erste Verwirrung und Ungläubigkeit abgelegt hatten, rannten wir fast zur Ausleihe für Skiausrüstung.

Endlich wieder Skifahren

Wir waren nicht mehr Ski gefahren seit Benni seine Promotion geschrieben hat und die Zeit dafür fehlte. In der darauffolgenden Saison war ich schon schwanger mit der kleinen Dame. Sieben Jahre ohne Skifahren. Eine Abfahrt in diesem unglaublichen dicken Pulverschnee Japans, wo die Skigebiete noch ohne Schneemaschinen auskommen, und wir haben gegrinst wie Honigkuchenpferde. Besonders Benni, der auch im Hotel noch gearbeitet hatte bis kurz vor Piste, weil es in Japan zwar Weihnachtskitsch aber keine Weihnachtsfeiertage gibt, rutschte mit jedem Meter auf der Abfahrt sichtlich mehr in die Urlaubsstimmung. Und ich, wohlwissend, dass die beiden Krachnasen hochzufrieden mit ihrem jeweiligen Unterhaltungsprogramm waren, gleich hinterher.

Wir hatten uns natürlich vorher gefragt, wie ein so großes Familienhotel die Schutzmaßnahmen gegen Corona umsetzen würde und wie es insgesamt funktionieren würde im Zusammenspiel mit den übrigen Gästen. Zunächst einmal galt natürlich im gesamten Hotel außerhalb der Zimmer Maskenpflicht, woran sich glücklicherweise alle hielten. Auch der kleine Bube trug mit seinen gerade drei Jahren anstandslos und vergnügt seine Maske und da wir nicht wirklich viel auf dem Zimmer waren, trugen wir mehr oder weniger nur zum Schlafen keine Maske. Zusätzlich war das Hotel nur zu knapp 30 Prozent belegt, so dass genug Abstand zu jeder Zeit möglich war. Dazu kam jede Menge Einsatz des gesamten Personals, das für reibungslose Abläufe sorgte. Nichts ist im Moment so sicher, wie zu Hause zu bleiben, wo es geht, aber wir haben uns zum Glück so sicher wie unter den Umständen möglich fühlen dürfen.

So wurden aus unseren unfreiwillig japanischen Weihnachten wirklich schöne Tage, die wir alle sehr sehr genossen haben. Umso mehr, weil uns bewusst ist, dass die Rückkehr in die größte Metropolregion der Erde inmitten einer Pandemie wieder mehr Sorgen, Vorsicht und Unsicherheit bedeuten.

Bleibt gesund, passt auf euch auf und habt einen schönen Start ins Neue Jahr!

Winterwunderland
Iglu-Magie

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