Vom Suchen und Finden

Auf einmal haben wir wieder Termine. Und zwar viele davon. Nach den Wochen des Stillstandes, trifft uns die Umstellung jetzt gleich doppelt. Voller Zeitplan in einer vollen Stadt. Aber wir sind endlich hier. In Tokio.

Zunächst mal dreht sich hier alles um die Hauptsachen des Ankommens: Wege und Orte finden, Wohnung finden, Kindergarten finden, Nahrung finden, Schlaf finden. Wir suchen also eine Menge. Gerade letzteres ist kritisch, wenn man zwei völlig aus dem Takt geratene Kinder hat. So gut sie im Flugzeug schlafen konnten, so bescheiden konnten sie das in den vergangenen beiden Nächten hier. Großartigerweise wechseln sie sich mit dem Wachsein ab, was bedeutet, dass wir so gut wie gar nicht schlafen. Wie lange dauert so ein kleinkindlicher Jetlag wohl? Erfahrungswerte folgen…

Orientierung geht dagegen ganz gut. Beide mit einem durchaus vorzeigbaren Sinn für ebendiese sowie mit Google Maps ausgestattet und keiner mit einer Rechts-Links-Schwäche, kommen wir ganz gut zurecht und manövrieren uns und unsere kleinen Begleiter durch den neuen Hood, aktuell erstmal Roppongi, nachts eine Art Reeperbahn Tokios. Hier sind wir in einem möblierten Apartment untergekommen, bis wir eine langfristige Lösung gefunden haben. Das hingegen gestaltet sich nicht ganz so leicht.

Wohnen auf Japanisch

House-hunting klingt ein bisschen wie ein gewaltsamer Sport und stellenweise fühlt es sich auch so an. Zwei Nachmittage haben wir uns jetzt neun Wohnungen und Häuser angesehen, dabei eine Stadtrundfahrt der anderen Art zurückgelegt und einen faszinierenden Einblick in japanische Wohnmöglichkeiten bekommen. Wir haben alles gesehen, vom 37. Stock eines Hochhauses bis zu eingepferchten Erdgeschosswohnungen kleiner Häuser, in die kaum Licht fällt, von superzentral – praktisch, aber hektisch und laut – bis hin zu weiter draußen – Luft zum Atmen und Aussicht mit Weitblick, aber weiter entfernt von Kindergärten und interessanten Vierteln. Wir sind Taxen, Aufzüge und Rolltreppen gefahren, haben auf Fensterbänken gesessen, im Taxi erst auf die Maklerin und schließlich auf die Maklerin und den Fahrer gewartet, der die verschollene Maklerin suchen gegangen war. Wir sind eben dieser Maklerin wie Entenküken durch die überfüllten Straßen von Meguro hinterher geeilt, als das Taxi nicht weiterkam und haben etwas ratlos in Schlafzimmern ohne Fenster oder traditionell japanischen Tatami-Zimmern gestanden. Jetzt sind wir restlos angefüllt mit Eindrücken und der Entscheidung überlassen, wo wir die nächsten zwei Jahre zu Hause sein wollen. Diese Entscheidung kann aber nicht ohne eine weitere getroffen werden: in welchen Kindergarten sollen unsere beiden Schlafterroristen gehen?

Internationale Kindergärten gibt es einige in Tokio, allerdings sollten sie uns und die Kinder zu allererst überzeugen, noch Plätze für beide Kinder haben und erreichbar von unserer neuen Wohnung sein. Blieben drei Kindergärten, die wir uns heute ansehen durften. Auch hier war alles dabei von einer Menge Farben, Geräusch und Menschen auf der einen Seite bis hin zu bedächtiger Ruhe und pädagogisch bestimmt bewusst eingesetzter, mir jedoch eher unheimlicher Lethargie auf der anderen Seite.

Ein Bus für Bube und Dame

Nach langer Überlegung und viel Bauchgefühl haben wir nun eine favorisierte Kombination aus einer etwas entlegeneren Wohngegend und einem gut ausbalanciertem Kindergarten, was die eben genannten Punkte betrifft. Dieser würde extra für uns eine neue Bushaltestelle für den Kindergartenbus einrichten, so dass Bube und Dame morgens mit einer Bus-Nanny als Unterhaltung zum Ziel kämen. Was ein Unterschied zu unserem bisherigen beschaulichen Fußweg von sieben Minuten.

Für den Rückweg haben wir auch schon eine Lösung gefunden: das Mamachari. Was uns in Deutschland und in vielen Teilen Europas das Lastenrad ist den Tokiotern das Mamachari – ein länger gezogenes Rad mit kleineren Rädern und je einem Kindersitz vorne und hinten sowie einem Korb für Einkäufe. Brauche ich. Wo ich schon kein Auto mehr fahren werde, wird das Mamachari mein Stück Freiheit und Unabhängigkeit, um in der neuen Heimat von A nach B zu kommen.

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Bleibt noch das Essen als eine unserer ersten Herausforderungen. Haben wir aufgrund unseres durchgetakteten Tages bisher schnell etwas auswärts gegessen, ging es heute mal ans Einkaufen. Das hatte ich mir schlimmer vorgestellt. Es hat zwar stellenweise etwas von einem großen Ratespiel, den gesuchten Artikel unter den vielen bunten meist sowas von gar nicht in lateinischen Buchstaben beschrifteten Verpackungen auszumachen, aber mit ein bisschen detektivischem Spürsinn und Ausschlussverfahren haben wir alles gefunden.

Satt und zufrieden folgt nun Versuch Nummer 3 einer Nacht mit Schlaf in Tokio.

Über den Wolken

Wir fliegen! Unsere Visa und wir sitzen tatsächlich im Flugzeug. 

Bis hierhin galt es noch alles, was wir so im Haus meines Vaters wild verteilt hatten, wieder einzusammeln und in die zur Verfügung stehenden Gepäckstücke zu sortieren. Jetzt sieht es in meinem Elternhaus nur noch nach den Folgen eines mittelschweren Gewitters aus, nicht mehr nach dem Orkan, der scheinbar vorher dort getobt hatte. Zurück bleiben einige nicht aufgeräumte Spielsachen, die nicht mitdurften, und eine nun etwas jämmerlich aussehende Stehlampe. Steht zwar noch, hat aber keinen Lampenschirm mehr, den hat die kleine Dame ihr aus dem Auftritt gekürzt.

Unsere Abmeldungen haben wir auch noch durchführen können. Kurz dachten wir, daraus würde nichts, denn kaum angekommen, wurden wir von den übrigen Wartenden informiert, dass es heute länger dauere, da das System abgestürzt sei und es nicht weiterginge. Zum Glück war besagtes System für den Vorgang der Abmeldung nicht zuständig, also konnten wir das dann doch überraschend schnell erledigen. „Kein Wohnsitz in Deutschland“ steht jetzt in unseren Personalausweisen. Schräg.

Mit zwei Autos, sieben Gepäckstücken für den Frachtraum und fünf Handgepäckteilen sind wir schließlich zum Flughafen aufgebrochen. Mit der Hilfe meines Vaters haben wir den enormen Berg aus Koffern und Taschen sowie einem Babyreisebett und einem Buggy bis zum Check-In bewegt, dann hieß es endgültig Abschied nehmen und weiter bis zum Gate durchschlagen. Der Bube saß dafür noch in seinem Buggy und staunte nicht schlecht über die kleine Dame, die überaus zufrieden auf ihrem Katzenrollkoffer saß und auf diesem von Benni durch die langen Gänge des Frankfurter Flughafens gezogen wurde. 

Am Gate erwartete uns dann die freudige Nachricht, dass die Meilenupgrades, die wir aus Bennis Vielfliegerei einsetzen konnten, genutzt werden konnten, wir also die 10,5 Stunden Flug in der Business Class verbringen durften. Vor allen Dingen deshalb so verführerisch, weil somit unsere Chancen, die Dame und den Buben ein paar Stunden in den Schlaf zu bekommen, deutlich stiegen.

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Bis dahin musste allerdings noch alles ausprobiert, angefasst, erklettert und zum Teil auch angeleckt werden, was sich in Reichweite des Buben befand. Drei Stunden nach Start war ich fix und fertig. 1,5 ist einfach ein sehr bescheidenes Flugalter. Sehr. Bescheiden.

Jetzt schlafen tatsächlich sowohl Bube als auch Dame und ich hoffe, dass es noch viele Stunden so bleibt. Ich genieße solange die Ruhe und Dunkelheit und versuche mich einzustellen, auf das, was uns jetzt erwartet. 

„Leben Sie in Japan?“ fragte mich die Stewardess vorhin und ich war kurz selbst verwundert über die Antwort: „Ja, ab morgen schon.“ Ab morgen leben wir in Tokio.

Zauberhafter Abschluss

Eigentlich sollte man meinen, dass ich nach den ganzen Wochen des Wartens und Organisierens heute hier vom Hof hüpfen würde. Ganz so ist es dann doch nicht.

Durch die ganze Anspannung und diesen schrägen Zustand des Noturlaubs war ich inmitten der übrigen voll urlaubenden Gäste immer etwas weniger involviert. Im großen Hotelkomplex des Willinger Sonnenparks fiel das nicht weiter auf, aber hier, im übersichtlichen und familiären Ebbinghof, tauschte man sich aus über die Kinder und den Alltag. Ich nicht. Nicht, wenn ich es vermeiden konnte. Ohnehin eher schlecht zu sprechen auf das Thema „Und, wo wohnt ihr?“ nahm ich an den vielen Programmpunkten für die Kinder teil, ohne mich wirklich an Gesprächen zu beteiligen. Ich habe ganz großartige Freunde und Verbündete im Elterndasein im alten Zuhause zurückgelassen, die mir jetzt schon fehlen, da fiel es während der Zeit hier umso schwerer, mich auf kurzfristige Urlaubsbekanntschaften einzulassen, wo ich gefühlt nicht mal wirklich im Urlaub war.

Dann kam die Nachricht, dass unsere Visa da sind und damit eine Menge Energie und Erleichterung. Ich fürchte, ich habe meine Miteltern hier dann doch kurz sehr irritiert, als wir draußen auf dem Hof in der Sonne saßen und Benni zusahen, der ein Telefonat nach dem anderen führte, in dem ständig die Worte „Tokio“, „Japan“, „Haneda“, „Dienstag“ und unsere Namen fielen. Mehreren fragenden Augenpaaren ausgesetzt, lüftete ich gut gelaunt das Geheimnis unserer Situation. Das kam wohl nach einer Woche unaufgeklärtem Zusammenlebens etwas unerwartet. Aber jetzt waren mir die Fragen egal. Endlich ging es weiter und wir hatten wieder einen Termin vor Augen, da konnte ich auch wieder über die Ungeheuerlichkeit des Vorhabens an sich sprechen.

Auf diese Art und Weise doch noch mitten im Kreis der Urlaubsbekanntschaften gelandet, schloss ich mich abends dann auch dem gemeinsamen Spaziergang zweier Mamas und eines Papas zum Zauberwald an. Klang interessant genug. Die kleine Dame war Feuer und Flamme, sie hatte ohnehin das Socialising voll ausgeschöpft, kannte alle Eltern und zugehörigen Kinder bestens und wollte ausnahmsweise mal nicht mit Benni und dem Buben ins Schwimmbad. Heraus kam ein wirklich schöner kleiner Ausflug in ein Wäldchen, das mit liebevoll gestalteten Holzkunstwerken tatsächlich zu einem zauberhaften Ort für Groß und Klein hergerichtet war. Zurück am Hotel saßen wir noch etwas zusammen. Die Kinder waren hoch erfreut so spät noch auf dem Spielplatz toben zu können. Und da war es endlich: echtes Urlaubsgefühl. Jetzt, wo alles geklärt und klar war, wann wir tatsächlich gehen, fühlte ich mich doch noch wirklich im Urlaub und wieder ein bisschen wehmütig, wenn ich an den Abflug dachte.

„Mama, du musst herkommen! Ich hab‚ Kacki in der Hose!“

Ja gut, das war dann der Abschluss eines entspannten letzten Urlaubsabends. Schön war‘s!

Viva la Visum

So, Freunde der aufgehenden Sonne, es ist soweit! Unsere Visa sind da. Also fast, uns wurde zugesagt, dass wir sie ab Montag, 9.30 Uhr im Konsulat abholen können. So kommen sie zwar zu spät für die gewünschten Flüge am Montag, für die es keine Plätze mehr gibt, aber wir haben unsere Tickets für Dienstag. Der 16. Juli ist also unser neuer großer Tag. 22 Tage nach dem eigentlichen Startdatum.

Auf einmal herrscht wieder emsige Betriebsamkeit. Wir schustern einen neuen Zeitplan zusammen. Wann müssen wir mit wie vielen Leuten und welchen Dokumenten oder Koffern wo sein? Wie nutzen wir die Zeit, die wir nach unserer Rückkehr am Sonntag noch haben möglichst effizient für unsere Abmeldung, die Abholung der Visa, den letzten Schriftverkehr, die Wäsche und vielleicht auch noch für ein bisschen Zeit mit Familie und Freunden?

Aber jetzt nutzen wir erstmal die Zeit, die uns hier noch bleibt. Landschaftlich hätten wir uns jedenfalls wenig Heimattypischeres zum Abschied aus Deutschland aussuchen können.

Ponys statt Pokémon

Unser neues Zuhause ist ein Bauernhof. Vor 500 Jahren erstmals gegründet, kümmert man sich hier seit den 1960er Jahren nicht mehr nur noch um Tiere sondern auch um Kinder – und deren Eltern. Aktuell also auch um uns.

Benni findet man wie üblich irgendwo in der Nähe von Kaffee, Internet und Handyempfang, wobei hier die erfolgreiche Suche aller drei Arbeitsvoraussetzungen eine mittelgroße Herausforderung ist. Diejenigen von uns, die nichts weiter zu tun haben als die Moral hochhalten und Blödsinn machen, nehmen jede Bauernhofattraktion mit, die sie finden können.

Tierische Freude

Ponyreiten ist dabei ganz weit oben auf der Favoritenliste einer gewissen kleinen Dame. Ich staune nicht schlecht, kenne ich sie doch quasi von Geburt an eher als Tierverweigerer. Streichelzoo – auf gar keinen Fall, Hunde von weitem auf dem Bürgersteig zu sehen – bloß weg. Erst seit der Bube da ist und so überhaupt gar keine Angst vor Tieren zeigt, wird es besser. Man bürstet jetzt auch mal eine Ziege im Zoo oder schmeißt einem Braunbären eine Erdnuss vor die Füße („Aber nur eine Mama, mehr bekommt er nicht!“). Der kleine Bruder hingegen ist von schlichtweg jedem Tier hingerissen, das sich bewegt. Hingebungsvoll werden da Grashalme durch Käfigdraht geschoben, Rufe des Entzückens getan, um uns auf eine Stubenfliege aufmerksam zu machen, die Fingerchen in Kaninchenlöcher gesteckt oder von Spielwarenschaufenstern mit Plüschtieren nicht mehr abgelassen – könnte ja sein, dass die sich doch noch bewegen.

Kurzum: wir sind auf einem Bauernhof genau richtig. Leider ist er noch zu klein für die Ponys. So reitet also die kleine Dame jeden Morgen stolz ihre vier Runden.

 

Direkt im Anschluss findet das zweitliebste Schauspiel statt: Trecker fahren mit Bauer Johannes. Gutmütig tuckert der Bauer jeden Morgen mit den Kindern auf seinem kleinen roten Traktor eine Runde übers Feld. Nur so fängt hier der Tag anständig an. Ich habe mir schon eine Softshelljacke gekauft, ich hatte für feuchtwarme Luft gepackt, nicht für eine frische Sauerländer Feld-, Wald- und Wiesenbrise.

Tief Luft holen

Neben diesen beiden eventartigen Programmpunkten am Morgen, gibt es hier noch einiges mehr zu entdecken. Die Powerscheune beispielsweise. Eine große Kletteranlage, in der sich beide ordentlich – naja auspowern können.

Nicht zu vergessen ist natürlich auch noch das Schwimmbad. Seit drei Wochen gehen wir jeden Tag ins Schwimmbad. Unsere ohnehin schon wasserbegeisterten Kinder haben bald Schwimmhäute unterhalb der Schwimmflügel. Der Bube springt so unerschrocken in jedes Becken, dass er damit oft entsetzte Blicke anderer Mütter provoziert. Die treffen dann natürlich mich, weil ich das arme Kind ins Becken fallen lasse. Wenn er kurz darauf wie ein Korken wieder auftaucht und vor Vergnügen quietscht, ist die Verwirrung dann meist komplett. Und die kleine Dame – die taucht auf einmal ab. Als hätte es nie was anderes gegeben. Dazu muss man wissen, dass Benni und ich Monate im Schwimmkurs damit zugebracht haben, sie dazu zu bringen, wie vom Kursplan vorgesehen, ein doofes Tauchtier von einer Treppenstufe im Becken zu bergen. Hat sie auch – mit den Füßen. Es war nichts zu machen. Keine Kursleiterin, keiner von uns, kein gutes Vorbild durch andere Kinder konnten sie dazu bewegen. Und jetzt taucht sie einfach. Jeden Tag ein bisschen mehr und mit an Hohn grenzender Selbstverständlichkeit. Seitdem sie gestern auch noch eine Schwimmbrille gefunden hat – hatten wir auch schon im Schwimmkurs versucht – geht‘s erst richtig los. Durch das ganze kleine Becken wird jetzt nach selbst ausgeworfenen Schwimmringen und Eimerchen getaucht. Es waren also insgesamt nur 3 Wochen Schwimmbad täglich nötig. Wenn‘s sonst nichts ist.

Japan?

Wir haben übrigens immer noch keine Visa. Benni war am Montag auf dem Konsulat und zunächst einmal kann man festhalten, dass die sagenumwobenen bürokratischen Vorteile einer Ehe doch sehr zu wünschen übrig lassen. Wurde ich im beschaulichen Nieder-Ramstadt auf dem Amt noch ausgelacht, als ich vorsorglich fragte, ob wir beide zur Abmeldung zugegen sein müssen („Sie kenne Ihren Mann scho mit abmelde, Sie sinn jetz verheiert, da brauchen Sie ihn net mehr dazu.“), gilt da auf dem japanischen Konsulat ein anderes Regiment. Eine von mir unterschriebene Vollmacht ist erforderlich, sonst darf niemand, auch nicht mein Mann, ein Visum für mich beantragen. Aha, ich darf also meinen Ehepartner aus seinem Heimatland abmelden, aber eine Einreisegenehmigung für ihn beantragen, das geht zu weit. Notiert.

Wenigstens dürfen wir besagte Vollmacht auch bei Abholung der Visa noch vorlegen. Läuft. Drei bis fünf weitere Tage Bearbeitungszeit hatte man uns im Vorfeld angekündigt, wir hatten auch schon von Fällen gehört, wo das Visum nur einen Tag danach vorlag. Bei uns nicht. Uns konnte man nicht einmal sagen, ob es denn wohl bis zum nächsten Montag vorliegen würde, damit wir unsere Flüge buchen können. Wir dürfen also mal wieder einfach nur abwarten. Wann die Generalkonsulin die Dokumente unterschrieben hat, wird uns dann mitgeteilt. Ist fertig, wenn es fertig ist.

Ich habe erstmal eine Stunde Entspannungsyoga gebucht. Gibt‘s hier nämlich auch. Oooohhhhmmmmmm.

Ich packe meinen Koffer…

Und wieder umziehen. Faszinierend mit wie wenig, man auskommt, wenn nötig und wie routiniert man im Packen wird. Normalerweise haben die Vorbereitungen für eine Zeit im Hotel mit zwei Kleinkindern bei mir eher den Charakter eines Großprojekts. Was muss alles mit? In wievielfacher Ausführung? Wie viele Taschen sind dafür nötig? Wann muss was noch wo vorher besorgt werden? Darüber kann ich nur noch müde lächeln.

Diese Vorbereitungen habe ich vor über drei Wochen zwischen Kisten in einem anderen Leben getroffen. Damals, als der Bube und die kleine Dame für eine Woche mit den Großeltern verreisen sollten und ich verschiedene Stapel bilden musste: „muss mit in den Urlaub und danach mit in den Flieger“, „muss nicht mit in den Urlaub, aber mit in den Flieger“, „muss weder mit in den Urlaub noch in den Flieger, aber muss nach Japan geschickt werden“ und „bleibt hier“. Hätte ich geahnt, dass ein weiterer Stapel – eine Mischung aus den ersten beiden – uns über die nächsten Wochen bringen muss, hätte ich umgehend Schnappatmung bekommen. Macht aber das Packen seitdem unschlagbar einfach. Wo nix ist, kann man sich auch nicht lange aufhalten. So habe ich also seitdem im Turbo für Frankfurt, für Wien, für Willingen und für Schmallenberg gepackt.

Hoch hinaus

Vom Sauerland ins Sauerland umziehen kam uns dann doch etwas einfach vor, also haben wir noch einen Zwischenstopp in Marburg eingeschoben. Ohne Buggy, denn der gehörte ja zur Hotelausstattung. Egal, nah am Zentrum parken und dann ein bisschen Richtung Altstadt und Schloss ausschwärmen. Der Bube kann ja schließlich schon laufen und wenn das nicht mehr geht, kommt er auf die Schultern. So der Plan. Joa. Laufen fand er zwar spitze, aber nicht unbedingt in die Richtung, in die wir wollten. Eigentlich nie in diese Richtung. Auf den Schultern fand er es streckenweise ganz ok, aber nicht ganz so großartig, wie wir es von der kleinen Dame gewohnt waren. Half aber alles nichts, das Landgrafenschloss in Marburg liegt – wie überraschend – nicht nett mitten in der Stadt sondern natürlich schön auf dem Berg, also rauf auf die Schulter und rauf aufs Schloss.

„Ich glaube, es sind mehr Treppen auf den Straßen als in den Häusern.“

Jacob Grimm über Marburg. Also bitte, hätte uns der Buggy auch nicht geholfen.

Entschädigt mit einem königlichen – oder landgräflichen – Ausblick über die Stadt, bestand das Besichtigungsprogramm dann aber statt aus einem Besuch des Museums in Anbetracht des Altersdurchschnitts der kleineren Mitreisenden dann aus einer Runde durch die Mauern. „Mama, wo ist denn nun das Schloss?“ – „Na hier, wir sind doch schon drin.“ – „Aber wir sind doch gar nicht drin!“ – Naja, aber es ist um uns herum, das alles hier ist das Schloss.“ – „Ich will aber richtig rein! – „Da ist ein Museum drin, dafür seid ihr noch ein bisschen zu klein.“ Zehn Minuten später, triumphierend nach einem Toilettenbesuch: „Aber jetzt waren wir doch drin, da war ja gar kein Museum, da war ein Klo!“ Marburg, ich verspreche, irgendwann mache ich es wieder gut.

Weiter ging es danach schließlich in den Ebbinghof. Neues Hotel, neues Zuhause. Kurz hielten wir die Luft an, als die kleine Dame selbstbewusst an der Rezeption erklärte: „Klar kenne ich den Happy, ich war ja schon im Schwarzwald und in Willingen.“ Die Information, dass sie über die letzten drei Wochen sprach, hat sie dankbarer Weise ausgespart.

Auf geht’s in eine neue Woche.

Stay Happy!

Wieder eine Woche um und wir sind immer noch weit entfernt von der Mega-City, die für die nächsten Jahre unser Zuhause sein soll.

Mittlerweile sind die kleine Dame und der Bube so ziemlich jedem Mitarbeiter und den meisten Gästen des Hotels gut bekannt, was vor allem an der Mitteilungsfreude der stolzen großen Schwester liegt. Gerne stellt sie sich und ihren Bruder ungefragt vor und liefert auch gleich noch – genauso ungefragt – ein Stück Information aus dem Familienleben dazu: „Mein Papa ist gerade nicht da, der arbeitet in der Launsche.“ [Damit ist die Lounge gemeint, in der es sich Dank ungehindertem Zugang zu Kalt- und Heißgetränken gut aushalten lässt. Wer Benni kennt, weiß, dass vor allem der Kaffee ausschlaggebend für die Wahl seines Aufenthaltsortes ist.] „Das ist mein kleiner Bruder. Der ist 1 und kann schon ‚Mama‘, ‚Papa‘, ‚Nein‘, ‚Hallo‘ und ‚Trecker‘ sagen.“ [Letzteres habe ich noch nie von ihm gehört.] „Das ist meine Mama. Die war in der Sauna. Wie war‘s, Mama?“ [Bei der Abholung aus der Kinderbespaßung]

Unterwegs

So schön bekannt hier auch alles sein mag, manchmal müssen wir auch mal raus aus unserer Blase. Am Sonntag zog es uns dafür in das örtliche Spaßbad, in dem vor allem das größte Familienmitglied Spaß auf den Rutschen hatte. Der Bube ist noch zu klein und die größere kleine Dame hat ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Wasserrutschen („Ja! Ich will rutschen!“, „Auf gar keinen Fall!“, „Papa, ich will doch rutschen!“, „Nein, das ist bestimmt zu kalt/ zu schnell/ zu lang.“, „Doch rutschen.“, „Nochmal rutschen!“).

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Am Montag stand ein Ausflug in den Ortskern an. Die größte Attraktion der Unternehmung bestand allerdings zweifelsfrei in der Wahl des Transportmittels. Benni war mit dem Auto in Frankfurt und der Weg ins Zentrum ist zwar nicht lang, dafür aber steil. Also blieb uns noch der hoteleigene Buggy-Fuhrpark, der tatsächlich einen Zweisitzer bereit hielt. Kind 1 konnte ihr Glück kaum fassen, mal wieder in einem Buggy sitzen zu dürfen. Kind 2 war gleichermaßen entzückt, plötzlich seine Schwester als Sitznachbarin zugeteilt zu bekommen. So entschädigten das fröhliche Geplapper und Gequietsche für den Weg zurück, den ich den Riesenwagen mit hochrotem Kopf den Berg wieder hochschieben durfte.

Sauerland-Sause

Wie es sich so für echte Anwohner gehört, bekamen wir heute dann auch mit meinen Schwiegereltern unseren ersten Besuch in unserem aktuellen Zuhause. Mit dieser Verstärkung im Schlepptau, ging es die Ettelsberg-Seilbahn hoch und runter. Und da heute Freitag ist, bot sich uns neben Aussichtsturm und Spielplatzbesuch  gleich noch die Gelegenheit, ein Willinger Phänomen zu beobachten: das Treiben rund um Siggis Hütte und den berühmt berüchtigten Sauerland Stern. Jedes Wochenende verwandelt sich das beschauliche Örtchen in ein Partynest der besonderen Art. In Scharen reisen Vereine, Junggesellenabschiede und andere Grüppchen an, um eine Ballermann-Party im Sauerland, eine Après-Ski-Sause ohne Schnee zu veranstalten. Ihre Unterkunft beziehen die meisten dafür im Hotel Sauerland Stern und Ziel ihrer samstäglichen Frühshoppen-Gelüste ist eben  Siggis Hütte, die sich an der Bergstation der von uns genutzten Seilbahn befindet. Offenbar wird die Hütte auch gerne Freitagnachmittag nach Anreise schon einmal vorgetestet. Ein interessanter Kontrast zu unserer Kinderhotel-Welt.

Achja, unsere Visa…seit Dienstag ist die für die Visa dringend benötige japanische Einladung genehmigt. Kurz wähnten wir uns schon dieses Wochenende im Flieger, aber das war zugegebenermaßen mal wieder reichlich naiv. Die Genehmigung wird uns nun per Expressversand zugestellt. Damit kann Benni dann am Montag aufs Konsulat in Frankfurt und dann…müssen wir nochmal 3-5 Tage auf die Visa warten. Dann können wir uns aus Deutschland abmelden und dann können wir fliegen. Kurz gesagt: wir sind noch locker eine weitere Woche in Deutschland. Am Sonntag ziehen wir also in ein neues Kinderhotel um.

Ich habe den Kindern erstmal eine Plüschversion des Hotel-Clowns Happy besorgt. Verdient ist verdient.

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