Jede Menge Lichter

Jetzt leben wir seit fünf Monaten in Tokio und haben die wichtigsten Schritte in einen funktionierenden Alltag gemeistert. Was wir aber noch nicht geschafft hatten, war abends zu zweit auszugehen. Die Einladung zum bōnenkai des Kindergartens war dann ein willkommener Grund, das zu ändern. Bōnenkai ist eine japanische Jahresabschlussparty, zu der gerne viel getrunken wird. Im Prinzip die Entsprechung unserer Weihnachtsfeier im Kollegenkreis. Nachdem die Kinder sich im Kindergarten gut eingefunden haben und englischsprachige Betreuung inzwischen gewöhnt sind, haben wir es vor dem bōnenkai auf einen Babysitting-Testlauf ankommen lassen. Aoki-san, eine muntere ältere Dame, die bereits in den USA und in Kanada gelebt hat und damit perfektes Englisch spricht, hat sich hervorragend um Bube und Dame gekümmert und beide entspannt ins Bett gebracht, während wir die Zeit genutzt haben, um uns eine brandneue Attraktion in Shibuya anzusehen.

Shibuya Sky

Auf dem Dach des erst Anfang November eröffneten neuen Hochhauses Scramble Square kann man auf 230m die Aussicht auf einer Plattform unter freiem Himmel genießen. Wie Ameisen sehen die Menschen auf der berühmten Shibuya-Crossing von da oben aus und gerade im Dunkeln ist es ein wirklich schöner Blick auf die Lichter der Stadt.

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Shibuya Crossing

Shibuya Crossing

Da Bube und Dame das Babysitting mit Bravour mitgemacht hatten, konnten wir dann auch ein paar Tage später unser bōnenkai genießen. Feine Sache.

Sonntag war uns erst am Nachmittag nach Unternehmung und da wir die Woche vorher das Gasmuseum gerade noch so anschnuppern konnten, bevor es auch schon wieder zu machte (das wird nochmal wiederholt, ähnlich wie schon das Wassermuseum ist es nämlich toll gemacht), haben wir uns diese Woche für den lang geöffneten Maxell Aqua Park in Shinagawa entschieden. Mitten in einem Hochhaus untergebracht, gibt es jede Menge Meerestiere zu besuchen, die besonders der Bube ganz fantastisch fand. „Blubb, blubb!“ rief er schon auf dem Hinweg in Endlosschleifen und drückte sich an jeder Glasscheibe die Nase platt. Nach Karussellfahrt und Delfinshow war er dann endgültig beeindruckt und die kleine Luke ging kaum wieder zu.

 

Kurisumasu (クリスマス)

Da wäre dann noch das Thema Weihnachtszeit. Trotz aller Hektik und Termine und der Tausend Dinge, die gefühlt exakt vier Wochen vor Weihnachten auf einmal da sind und unbedingt noch im alten Jahr erledigt werden wollen, liebe ich die Weihnachtszeit. Weihnachtsmärkte, Plätzchen backen, Deko im Haus verteilen, Geschenke besorgen, Weihnachtsmusik, Lebkuchen, Glühwein, einfach alles schön! Mir egal, wie kitschig das ist, alles schön, Punkt.

So. Jetzt bin ich also in einem Land gelandet, in dem das Christentum eine eher untergeordnete Rolle spielt – auch wenn der Pabst gerade hier vorbei geschaut hat – und die meisten Menschen, wenn religiös, dann im Shintō oder im Buddhismus zuhause sind. Wie also ist das wohl mit Weihnachten in Japan? Naja, es wird gefeiert. Auch hier. Auch ohne Christentum, aber wenn wir mal ehrlich sind, ist die Religion auch in Deutschland nicht immer der Star des Festes. Aber Japan wäre nicht Japan, wenn es nicht seine eigene Interpretation eines Weihnachtsfestes hervorgebracht hätte. Ist hier Neujahr das eigentliche Familienfest, gibt es an Weihnachten zwar auch eine Santa-Clause-Version für die Kinder, aber vor allen Dingen ist es ein Abend für Paare. Also eher so eine Art Date Night mit Weihnachtsbeleuchtung. Und letzteres wird visuell gewohnt bombastisch umgesetzt. Ganze Straßenzüge sind jetzt in aufwendige Lichtinstallationen verpackt und fügen dem ohnehin schon bunt und hell erleuchteten Tokio noch mehr Lichterglanz hinzu. Leider sehe ich vergleichsweise wenig der Beleuchtung, da ich abends eher selten unterwegs bin, aber das, was ich bisher gesehen habe, ist wirklich schön.

Das war es dann aber, das mir hier ein bisschen Weihnachtsstimmung macht. Weihnachtsmärkte werden hier auch gerne mal probiert (meist als Bestandteil einer Shoppingmall), aber es bleibt wie auch das Oktoberfest bei einem Versuch. Also hören wir zu Hause Weihnachtslieder rauf und runter und haben uns eine Weihnachtsbaum-Winzling und eine Lichterkette gegönnt. Und die Kinder freuen sich jeden Tag über ihren Adventskalender. So verbringen wir exakt die Hälfte der Adventszeit in japanisch-deutschem Weihnachtsspagat, dann geht es nach Deutschland in die echte Weihnachtszeit mit Freunden und Familie.

Kawaii!!!

Wir fangen heute mal mit einer kleinen Begriffsdefinition an.

kawaii oder かわいい

‚Kawaii’ ist genau genommen so viel mehr als nur ein Begriff, es ist allgegenwärtig und fester Teil des japanischen Lebens.

Was also bedeutet ‚kawaii‘? Ich bin schon recht früh auf das Wort gestoßen und meine auch, es früher schonmal gehört zu haben, aber Bedeutung und vor allem Ausmaß sind mir erst hier klar geworden. ‚Kawaii‘ bedeutet zunächst mal ‚niedlich‘, ‚süß‘ oder ‚kindlich‘. Man hört es auf der Straße gerne mal, wenn eine Japanerin oder ein Japaner einen von diesen Mini-Fellbällen sieht, die sie hier Hunde nennen. Oder ein (scheinbar) niedliches Geschirr-Set. Oder meine Kinder, die ja hier hohen Seltenheitswert haben mit ihren blonden Haaren und eine kleine Attraktion sind, weil sie auch noch im Doppelpack auftreten. Ein sehr hoch gesprochenes „Kawaaaaaaiiii“ zusammen mit dem Ausdruck der puren Verzückung begegnet uns also schon seit wir hier sind immer mal wieder. Doch die Bedeutung von ‚kawaii‘ geht weit über ein bloßes Adjektiv hinaus. Wikipedia sagt dazu: „Mittlerweile steht er [der Ausdruck ‚kawaii‘] für ein ästhetisches Konzept, das Unschuld und Kindlichkeit betont und sich auf alle Bereiche der japanischen Gesellschaft ausgedehnt hat.“

Und mit allen Bereichen sind auch sehr offizielle oder administrative Bereiche gemeint. Als wir gerade erst angekommen waren und die ersten Ämtergänge hinter uns hatten, kam ein Schreiben, das komplett in Kanji geschrieben war, das ich also ohne Übersetzung nicht zuordnen konnte. Auf dem ganzen mehrseitigen Dokument waren niedliche Comic-Häschen zu finden. Ich hielt es erstmal für nicht weiter wichtig, weil – hallo?!? – HÄSCHEN? Es waren unsere Sozialversicherungsdaten und damit die hier wichtigsten personenbezogenen Nummern für unseren Aufenthalt.

Niedliche Figuren und Maskottchen sind hier sehr beliebt, nicht nur in Vereinen oder im Sport sondern eben auch in Verwaltung oder bei offiziellen Einrichtungen. Pipo-kun zum Beispiel, ein oranges mausähnliches Kerlchen (und ein Kerlchen muss er sein, denn -kun ist die Nachsilbe für Jungen), ist das offizielle Maskottchen der Tokyo Metropolitan Police. Straßenabsperrungen sind hier gerne mal Häschen, Frösche oder andere Tierchen. Erwachsene Japaner sitzen mit ihren Trinkpäckchen in der Bahn, an Designerhandtaschen baumeln Stofftierchen und Japanerinnen folgen in großen Teilen einem Schönheitsideal, das sie möglichst unschuldig und süß aussehen lässt. ‚Kawaii‘, wohin man schaut. 

Wenn man hier lebt, ist man täglich von ‚kawaii‘ umgeben, aber diese Woche, habe ich es mal richtig krachen lassen und explizit Jagd auf die Niedlichkeit gemacht. Kindisch sein kann ich auch. Willkommen in meiner bonbonbunten, verrückten, zuckersüßen Woche!

Das Monster Harajuku

Harajuku – ein hippes Streetart-Viertel Tokyos – ist so oder so jeden Ausflug wert. Ausgefallene Mode, entspanntes Publikum, schöne Cafés und eine Menge großer und kleiner Läden machen die Gegend interessant und farbenfroh. Der Designer Sebastian Masuda nennt Harajuku ein Monster, das alles verschlingt und ständig wächst und hat ihm mit dem „Kawaii Monster Café“ ein Denkmal gesetzt. ‚Kawaii‘, eh?

Ich war ja auf einiges gefasst, nachdem ich mir vorher schon Bilder angesehen hatte, aber live war es dann nochmal eine Schippe mehr auf der Regenbogenskala. Mein lieber Freund, war das BUNT. Begrüßt wird man von einer der fünf Harajuku-Girls, Mädels in schönstem Cosplay-artigen Kostüm: Baby, Dolly, Candy, Nasty und Crazy. Wir wurden von Nasty in Empfang genommen, ich konnte mir ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen. Hätte ich mir eine aussuchen dürfen, es wäre wohl Nasty geworden. Immer hinter Nastys ausladendem Rock her ging es zu unserem Platz. Von hier aus konnten wir auch die kleine Show anschauen, die die Harajuku-Girls regelmäßig auf dem Karussell in der Mitte des Cafés aufführen. Bube und Dame stand der Mund offen bei so viel Farbe und Musik. Mir auch. Nachdem wir bunte Spaghetti, einen lila Burger und Pommes mit bunten Soßen verdrückt hatten und uns alles angeschaut haben, war es dann auch wieder Zeit für eine Farbdiät und eine weniger reizüberflutende Umgebung für die völlig überdrehten Kinder. Nicht zu viel auf einmal.

Cheeeeese

Den nächsten ‚kawaii‘-Ausflug hatte ich für mich alleine reserviert. Ich wollte meine Aufmerksamkeit für die bunte Welt der Takeshita-dori, einer schrillen Einkaufsstraße ebenfalls in Harajuku, nicht zwischen Bube, Dame und den unzähligen Details der Umgebung teilen müssen. Außerdem ist die Takeshita ein sehr beliebtes Ziel für Einheimische und Touristen und unter der Woche vormittags noch einigermaßen entspannt. Ein paar Stationen hatte ich mir vorher vorgenommen, ein paar kamen spontan dazu.

Purikura zählte definitiv zu den geplanten Attraktionen. Wer erinnert sich noch dunkel an die Zeit vor Smartphones und Snapchat, als zu unseren ultimativen Teenie-Freundschaftsbeschäftigungen der Besuch eines Passbildautomaten zählte? Zu zweit, zu dritt oder bis an die Schmerzgrenze quetschten wir uns in die kleinen Kabinen und schmissen uns in Pose, was das Zeug hält. Purikura ist genau DAS, nur besser. In zahlreichen unterschiedlichen Automaten können hier gänzlich passuntaugliche selbstklebende Bilder geschossen und im Anschluss mit Filter- und Verzierungsfunktionen bearbeitet werden. Großartig!

Die Takeshita-Straße ist schon ein besonderes Sammelsurium an Süßem und Süßigkeiten. Glitzerstifte, Lipgloss in Disneyfigurenform, Mützen mit Ohren, Onesies in allen Farben und Tierformen oder Plüschtiere sind nur einige Beispiele. Kulinarisch kann man sich durch eine große Auswahl an Lollies, Zuckerwatte, Crêpes und schlichtweg undefinierbaren bunten Kreationen probieren.

Zu den spontanen Programmpunkten zählten zwei Pet-Cafés. Das Mini-Pig-Café musste sein, weil ich diese Miniatur-Schweine mal aus der Nähe sehen wollte. Witzige tiefenentspannte Viecher. Aber noch mehr musste der Owl-Forest sein. Von den Haltungsbedingungen bin ich hier leider gar nicht überzeugt, aber diese wunderschönen Tiere mal ganz nah zu erleben und sogar vorsichtig streicheln zu können, war wirklich faszinierend. Und verdammt sind die flauschig!!

 

Kaffeekunst

Völlig übersättigt an Eindrücken, aber ansonsten eher hungrig, weil ich die bunten Verpflegungsangebote ausgelassen hatte, habe ich mich noch im Reissue, einem „echten“ Café, niedergelassen, das schon vorher auf meiner Liste stand wegen seiner Latte Art. Ich wusste nicht einmal, dass es so etwas gibt, aber ich war neugierig. Man hat die Wahl zwischen 2D- oder 3D-Art auf seinem Kaffeemilchschaum. Entweder kommt einem aus dem Schaumberg quasi ein niedliches Tierchen entgegen und schaut einen aus der Tasse an oder man kann sich ein Bild wünschen. Ergebnis: sehr guter Kaffee mit beeindruckendem Mini-Kunstwerk und ein leckeres Curry.

Nicht mehr wirklich ‚kawaii‘, aber schön und auch in Harajuku, habe ich mir noch das Wandbild von Zio Ziegler angesehen. Insgesamt also ein rundum gelungener Ausflug in die besonders bunte Seite von Tokyo mit einem Abschluss in Schwarz-Weiß zum Runterkommen.

 

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Kitsch und Kultur

Diese Woche war ich in Souvenirlaune und habe mir allerhand Kitsch und Touristenkrams angeschaut. Erstens bin ich dabei die Adventskalender für die Kinder vorzubereiten und die werden dieses Jahr japanisch-kitschig. Zweitens fliegen wir bald nach Hause und da werden Freunde und Familie nicht ganz verschont bleiben, was schöne und schräge Mitbringsel angeht. Und drittens gibt es einfach so viele kleine und große Absurditäten und Schätze zu entdecken, dass das einfach ab und an mal sein muss.

Falsche Straße

Ich hatte von der Nakamise-dori in Asakusa gelesen. Eine Einkaufsstraße, die zwischen dem Kaminari-mon, dem so genannten Donnertor, bis zum Sensō-ji-Schrein verläuft und mit den angrenzenden Straßen als eines der ältesten Geschäfts- und Unterhaltungsviertel Japans gilt.

Kamari-mon

Kamari-mon, das Donnertor

Nakamise-dori

Tief einatmen und durch

Sensō-ji

Sensō-ji, Tokios ältester Tempel

Ich wollte touristisch, ich bekam Touristen. In Massen. Und jede Menge Stände mit überwiegend echt hässlichen Souvenirs und einer Menge an kulinarischen Mitbringseln. Mein Jagdfieber nach Souvenirs war auf den ersten Metern schon abgeklungen und ich kämpfte mich nur noch der Vollständigkeit halber und um des Schreins Willen bis zum Ende der Nakamise durch.

Praktischerweise liegt in unmittelbarer Nähe die Kappabashi-Straße, die mir ja einige Zeit zuvor sehr gut gefallen hatte. Ich brauchte ohnehin noch ein paar Kleinigkeiten aus der Küchenstadt, also passte das zur Versöhnung dann ganz gut.

Richtige Straße

Ein sehr viel besseres Ziel, obwohl es nicht, wie in Asakusa, eine echte Geschichte vorzuweisen hat, ist der Shoutengai in den Tokyo Decks auf Odaiba. Diese künstliche Einkaufsstraße soll eine Hommage an das Tokio der 60er Jahre sein und beherbergt entsprechend viel Retrokrams. Alte Spiele und Spielautomaten können ausprobiert werden, es gibt Aufführungen wie Papiertheater, man kann ein Geisterhaus besichtigen (Ja nee, ist klar!) oder sich durch die Souvenirläden wühlen. Und hier gibt es auch die Art Kitsch, die ich entweder so schräg finde, dass sie schon wieder gut ist, oder die einfach gleich voll meinen Geschmack trifft.

Shoutengai

Eingang ins Retro-Kitsch-Land Shoutengai

Socken

OH DOCH!

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Maneki-Neko in Miniatur mit Glöckchen

Roll-Ele

Bube und Dame lieben ihn hier!

Vollen Durchblick

Eine vernünftige Sache stand auch noch auf meiner To-Do-Liste: Ich brauchte eine neue Zweitbrille. Der Bube hatte meine Brille etwas zu oft in die Finger bekommen und ich hatte Angst, dass sie es nicht mehr lange macht. Und da ich ja inzwischen ohne Brille zunehmend aufgeschmissen bin, wenn ich etwas lesen will oder muss, machte mich der Gedanke etwas unruhig, zum Glück kaufen die Japaner gerne mal eine neue Brille und nicht das eine Gestell für‘s halbe Leben. So gibt es dann auch genug Geschäfte, die wirklich günstige Angebote haben. Zum Beispiel JINS. Womit sie mich dann restlos begeistert haben: ich konnte mein Gestell aussuchen, die Stärke mitteilen, den Augenabstand messen lassen und einen Matcha-Latte trinken gehen. Dann war die neue Brille fertig und abholbereit. Nix mit, wir melden uns, wenn sie fertig ist. Geht natürlich nur mit Standardgläsern, aber die habe ich praktischerweise. Eine Dreiviertelstunde und umgerechnet etwa 65€ (!) später, hatte ich meine neue Brille.

Brille

So schnell kann‘s gehen

Aber so richtig war es das noch nicht in Sachen farbenfrohe Unnötigkeiten. Es war ja nun Halloween letzte Woche und auch in Japan entkommt man dem gruseligen Spuk nicht mehr, wenn man Kinder hat. Die Halloween-Parade der Schule mit Trick-or-Treat-Ausflug im Spielpark rief. Allerdings rief sie zu Bubes Mittagsschlafzeit, so dass Benni für diese Zeit Homeoffice machte, während ich mit der kleinen Dame – ihreszeichens eine kleine Hexe – zur Schule radelte. Nach einer kleinen Country-Dancing-Aufführung im Klassenraum (urkomisch, wie da Hexen mit Pokémons oder Prinzessinnen mit Doraemons tanzten), ging es raus in den Park, wo die Treats eingesammelt werden konnten. Die kleine Dame und ich genossen ein bisschen entspannte Zweisamkeit, da ist auch Halloween recht.

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Die Parade – im Hintergrund der Gegensatz aus kleinen Wohnvierteln zwischen den großen Hochhäusern der Roppongi Hills

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Trick or Treat!

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Treat!

Den Sonntag hatten wir trotz schönsten Wetters irgendwie zu Hause verbummelt, so dass uns dann irgendwann nachmittags die Decke auf den Kopf und die Kinder auf die Nerven fielen. Also raus. Draußen wurde es schon langsam dunkel und leider machen viele Einrichtungen schon um 17.00 Uhr zu, aber es war mal wieder ein Feiertag. Tag der Kultur – wie passend zu unserer Suche nach Zerstreuung. Und an Feiertagen haben dann wiederum viele Museen etc. länger auf. So auch das Miraikan, das National Museum of Emerging Science and Innovation.

In einem futuristisch wirkenden Gebäude warten die neusten Technologien und zukunftsweisende Erkenntnisse. Für Bube und Dame noch etwas zu hoch, aber trotzdem auf ganz eigene Art und Weise interessant, wetzten wir also von einem kleinkindinteressanten Punkt zum nächsten, konnten aber im Vorbeigehen ein paar Sachen erspähen. So zum Beispiel eine große Kugelbahnanlage, die Auswirkungen von Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Tsunamis simulierte. Oder die begehbare Wohneinheit einer Raumstation, inklusive Toilette (mit Haltegriffen, Sauger für – naja – das Geschäft und Gummihandschuhen). Sehr beeindruckend und hübsch anzusehen ist vor allem die große Kugel, auf die effektvoll die sich drehende Erde projiziert wird.

Globe

Einmal um die Erde herum und unten drunter durch

Achja, und da der Feiertag auf einen Sonntag fiel, kam wieder meine sehr lieb gewonnene japanische Handhabung zum Tragen: Montag war ersatzfrei. Japan hat mir also einen Feiertag zum Geburtstag geschenkt.

どうもありがとうございます

Vielen Dank

 

 

Wasser wieder anders

Kaiser Naruhito hat in einer feierlichen Zeremonie den Thron bestiegen und nach der offiziellen Ablöse seines Vaters im Mai nun auch die traditionellen Schritte vollzogen, die sein Amt mit sich bringt. Für uns hieß das in erster Linie Zeit zu viert, denn die Thronbesteigung ist ein nationaler Feiertag. Dem Wetter war wohl nicht so zum Feiern zumute, jedenfalls gab es eine Menge Wasser von oben. Dementsprechend fielen für uns ausschweifende Outdoor-Aktivitäten flach, auf lange Fahrerei hatten wir keine Lust, also musste etwas Überdachtes in der Nähe aufgetrieben werden. Tokio wäre nicht Tokio, wenn diese Anforderungen nicht leicht zu erfüllen wären, in diesem Fall mit dem Tokyo Water and Science Museum in Kōtō.

Tokyo Water Science Museum

Wasser marsch!

Die städtischen Wasserwerke betreiben das kostenfreie Water Museum über einer lokalen Pumpstation, die ebenfalls besichtigt werden kann. Auf drei Stockwerken zeigt die Ausstellung, wo das Wasser herkommt, wie es in die Städte gelangt und welche Verwendung es dort findet.

Wir waren erst eine Stunde vor Ende der Öffnungszeiten da, hatten dafür aber das Museum fast für uns. So konnte der Bube im Film über den Wasserkreislauf, der an drei Wände und die Decke projiziert wurde, nach Herzenslust Wassertropfen hinterherrennen oder laut seine Begeisterung kund tun. Die kleine Dame war besonders beeindruckt von der Seifenstation. Hier konnte man sich auf eine Plattform stellen und mit einer Kette einen mit seifengetränktem Stoff umwickelten Ring um einen herum nach oben ziehen und so ganze Seifenwände errichten. Wir standen also quasi in einer großen Seifenblase. Auch das große Wasserbecken mit Wasserpistolen, unter dem die Kinder durchkrabbeln konnten, um in der Mitte in Glaskuppeln wieder aufzutauchen, sorgte für viel Freude.

Über das Wasser – ins Wasser

Das Wasser-Museum sollte nicht die letzte Ausstellung der Woche bleiben. Wer meinen Beitrag Von Insel zu Insel gelesen hat, der weiß schon, dass mich die digitalen, bildgewaltigen Welten des teamLab restlos begeistert haben. Im Gegensatz zu der dauerhaften Borderless-Ausstellung, die wir im August besucht haben, gibt es noch eine etwas kleinere, temporäre Version, die teamLab Planets. Mit Kindern und ein bisschen Abenteuerlust, ist die Planets nochmal besser als ihre große Schwester.

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Gleich am Eingang wird man gebeten, die Schuhe auszuziehen, seine Sachen in einen Spind zu schließen und seine Kinder an die Hand zu nehmen, bevor man sich auf den Weg in einen langen dunklen Tunnel macht. Der Sinn dieser Anweisungen erklärt sich schnell von selbst: Wasser. Wie nach einem sehr sauberen, wohltemperierten Wasserrohrbruch, ist ein Teil des Ganges knöcheltief mit Wasser gefüllt, so dass man auch den dann folgenden Aufstieg stetig im Wasser meistern muss. Im Anschluss wird man japanisch-höflich mit Handtüchern begrüßt und weiter geht‘s: in einen Raum, der komplett aus einem Kissen als Boden besteht. Ähnlich wie diese übergroßen Sitzkissen, die mit kleinen Kügelchen gefüllt sind, besteht einfach der ganze Untergrund dieses Raumes aus einem solchen Kissen, in das dann auch noch Hügel und Vertiefungen eingebracht wurden. Ich kann nicht behaupten, dass ich besonders grazil ans andere Ende gekommen bin, aber zum Glück war es hier so dunkel, dass fotografieren eh keinen Sinn machte. Ich habe mehrere Techniken ausprobiert und dachte an einer Stelle sogar, ich könnte mich einfach durchrollen. Was soll ich sagen? Konnte ich nicht. Ich habe mich genau einmal vom Bauch auf den Rücken gerollt, dann lag ich da und musste mich mühsam wieder aus der weichen Vertiefung wühlen. Bube und Dame sind weit leichtfüßiger über das Hindernis gekommen. Aber Spaß hatten wir alle.

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Bube zögert noch

Typisch teamLab folgte dann wieder was für‘s Auge. In einem riesigen Raum mit verspiegeltem Boden hingen Tausende von glitzernden Lichterschnüren, die kontinuierlich die Farben wechselten. Atemberaubend. Ehrlich wahr, einfach nur schön.

Im nächsten Abschnitt wurde ich gebeten, die kleine Dame auf den Arm zu nehmen. Sie ist 4! Kennt sich jemand mit dem Stolz und dem Altersbewusstsein einer Vierjährigen aus? Jepp. Ein entsprechend indignierter Blick traf mich auch, als ich sie brav hochnahm und ihr zuflüsterte, dass ich sie wieder runterlassen würde, wenn keiner guckt. Der Bube parkte, seit ihm die Spiegel auf dem Boden doch etwas zu unheimlich wurden, eh auf Bennis Arm. Wieder Wasser im Gang, immer mehr Wasser. Dann ein ganzer Raum kniehoch mit milchigem Wasser gefüllt, auf das Lichter und Fische projiziert wurden, die um uns herum schwammen. Nicht nur die kleine Dame wollte SOFORT runter, auch der Bube war jetzt nicht mehr zu bremsen. Keine Ahnung, wie das andere Eltern machen, unsere Kinder blieben auf gar keinen Fall auf dem Arm. Hätte ich auch nicht gemacht. Wir hatten also alle Hände voll zu tun, jeweils wenigstens einen Teil Kind an der Hand zu behalten. Die Klamotten waren verloren, aber Wechselklamotten sind immer am Start und warteten im Spind, bin ja schon eine Weile Mutter und einigermaßen lernfähig. Wer mal versuchen will, ein Kind festzuhalten, dass einen digitalen Fisch durch einen halbdunklen Raum voller Wasser jagt: teamLab Planets. Hat geklappt, hat Spaß gemacht, hält man aber nicht ewig durch.

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Auf Fischfang

Der nächste Raum war gefüllt mit riesigen Ballons, die erneut die Farben wechselten. Die kannten wir zwar schon aus der Borderless-Ausstellung, dort durfte man sie allerdings nicht anfassen. Hier konnten die Kinder sie durch die Gegend schieben und schubsen, was sie sich natürlich nicht entgehen ließen. Dem Buben schienen hier die Spiegel am Boden auch plötzlich nichts mehr auszumachen. Im letzten Raum konnten wir uns auf den Boden legen und die bunte Blumenprojektion auf allen Wänden, Decke und Boden um uns herum bestaunen. Wie betrunken torkelten wir anschließend zum Ausgang. Der erste, der uns besuchen kommt, wird hier reingeschleppt und vermutlich alle nach ihm auch.

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Katzen versus Cosplayer

Am Sonntag waren wir mal wieder in Ikebukuro, dem Viertel, in dem wir schon einmal waren, als wir den Sky Circus besucht haben. Damals war allerdings nicht Halloween-Woche… Ikebukuro ist bekannt für seine Cos-Player-Szene und bietet auch schon im Normalbetrieb die ein oder andere bunte Gestalt, aber im Moment kann man sich kaum retten vor kostümierten Massen. Nach der märchenhaften teamLab-Welt, war das dann eher alptraumartig überfüllt und anstrengend. So beschränkten wir uns auch auf die Programmpunkte, die wir vorher mal so lose angerissen hatten und retteten uns ins Nekobukuro, ein Katzencafé. Benni und ich waren ja schon vor ein paar Wochen im Mocha in Harajuku. Dort sind allerdings keine Kinder im Alter von Bube und Dame zugelassen. Im Nekobukuro schon, soweit man aufpasst, dass sie die Katzen nicht ärgern. Die Kinder waren froh, Cosplayer gegen Katzen eintauschen zu können. Wir auch.

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Ansonsten habe ich diese Woche zum ersten Mal wirklich ein Auto vermisst. Ich fahre ja sehr gerne Auto, aber fehlen tut es mir im Alltag hier nicht. Alle Wege lassen sich sehr gut zu Fuß, mit der Bahn oder dem Rad zurücklegen. Außer es regnet in Strömen. Bis zwei Kinder und ich selbst wetterfest verpackt und in die Regenabdeckungen auf dem Fahrrad gebastelt sind – die gibt es natürlich nur für Bube und Dame – vergeht eine Menge Zeit und nachmittags in Regenklamotten gewickelt mit Schirm dazu am Straßenrand zu stehen und auf den Kindergartenbus zu warten, ist auch nur so semi-gut. Reine Luxusprobleme, aber ja, in solchen Momenten fehlt mir mein Landleben mit Auto.

Regen-Ich

Singing in the rain. Nicht.

 

Der ganz normale Wahnsinn

Jetzt ist auch in Tokio so langsam der Sommer vorbei. Hagibis hat noch ein wenig Hitze hinter sich hergezogen, aber danach haben sich die Temperaturen eher so zwischen 15 und 22 Grad bewegt. Mein europäisch geeichtes internes Jahreszeitenmessgerät ist etwas besänftigt.

Wenn es nicht gerade Hunden und Katzen regnet, sind wir draußen, sonst tobt in der Wohnung das Irrenhaus. Der Bube ist in dem bezaubernden Alter angekommen, indem er einfach nur Unsinn macht. Und zwar Big Time. Letzte Woche etwa war Bake Sale im Kindergarten. Diese netten Zusammenkünfte, für die jeder etwas backt und mitbringt, das dann verkauft wird, um Geld in die Community Kasse zu bringen, mit der dann wieder andere nette Events der Kindergarteneltern organisiert werden. Und natürlich hilft auch jeder bei Aufbau, Abbau, Verkauf, Unterhaltungsprogramm etc. Ein Riesenspaß also. Nicht. Jedenfalls nicht mit einem kranken Buben, der dadurch noch motziger, als eh schon durch die Welt wackelt und jeden Backversuch zum Wettlauf gegen die Zeit werden lässt. Abgesehen davon, hatte ich erwähnt, was ein in japanischen Küchen üblicher Backofen ist? Eine Mikrowellen-Backofen-Kombination, in die ein Backblech ungefähr so groß wie ein DIN-A-4 Papier reinpasst. Anleitung natürlich komplett auf Japanisch. Yay. Achja, und die Zutaten wollen hier auch erstmal aufgetrieben sein. Und ich habe zwei Kinder in zwei Kindergartengruppen, also gleich zwei unterschiedliche Sachen zu backen.

Mein Vorlauf für den Bake Sale bestand also schonmal darin, nach Azabu-Jūban in den internationalen Supermarkt zu radeln, wo ich dann auch Backpulver etc. bekommen habe. Dann weiter, ein Handrührgerät auftreiben. Auch geschafft. Zwei Tage nach dem Bake Sale  stand dann zusätzlich noch der Kindergartenausflug an: Sweet Potatoe Digging. Also ein Ausflug raus aufs Feld, um Süßkartoffeln auszubuddeln. Dazu sollten wir Schaufeln, Handschuhe und eine Picknickdecke mitbringen. Überraschenderweise nicht unbedingt die Artikel, die ich mit in unsere Kisten aus Deutschland gepackt hatte, also musste ich auch diese noch aufspüren und erradeln. Ich war also schon so semi-begeistert von den ganzen Vorbereitungen, hatte mich aber brav für alles eintragen lassen. Meine Arbeitsschicht im Kuchenverkauf musste ich dann allerdings wieder absagen, mit verrotztem Kleinkind nicht machbar. Das Backen mit den eingeschränkten Möglichkeiten und dem Buben als zusätzliche Herausforderung war dann auch eher so nahe an der Katastrophe. Ein optisches Highlight waren die entstandenen Muffins dann auch nicht, aber die kleine Dame durfte einfach ganz viele Zuckerperlen und Schokostreusel zum Verzieren einsetzen.

Zwei gegen Eine

Die Veranstaltung an sich war tatsächlich schön gemacht, es gab Spiele für die Kinder, den Backwarenverkauf, Apfelsaft aus Flaschen mit Strohhalm und Popcorn. Bube und Dame wollten natürlich am liebsten ALLES ausprobieren, also rannte ich erstmal dem Buben mit seiner Apfelsaftflasche hinterher, der noch nicht wirklich zuverlässig den für den Saft vorgesehenen Weg Flasche-Strohhalm-Mund-Magen befolgt. Die Dame wollte ein Einhorn-Klebetattoo, der Bube zum Angelspiel am Planschbecken, die anderen Mamas Small-Talk. Gefühlt waren meine Arme und Beine in mindestens sechs Richtungen getrennt voneinander unterwegs und je ein Auge schielte nach einem Kind. Ende vom Lied war ein nasser Bube, der lieber direkt mit dem Arm bis zum Ellbogen im Planschbecken hing, als die Angeln zu benutzen, aber glücklich zwei Plastikfische und einen aufblasbaren Donald Duck als Trophäen mitnehmen durfte. Die Dame hatte ihr Einhorn auf dem Arm und das gewünschte Popcorn war zusammen mit den liebevoll in rotes Dekostroh gebetteten Cookies, die wir erstanden hatten, sicher im Fahrradkorb verschwunden für zu Hause. Ich war schweißgebadet, aber kurz der Ansicht, dass es doch irgendwie läuft. Ha-ha.

Zuhause angekommen, wurde das Popcorn verlangt, also Schüssel raus, das bepuderzuckerte Popcorn rein und den Mini-Löwen zum Fraß vorgeworfen. Kurze kostbare Zeit, um die Schuhe, Jacken und Taschen im Flur aufzuräumen. Zurück ins Wohnzimmer. Ins WEISSE Wohnzimmer! Der Bube hatte mittlerweile einfach jedes einzelne Popcorn aus der Schüssel im Raum verteilt und den Puderzucker auf den Tisch geleert. Als ich reinkam, fand ich ihn mit beiden Händen im Puderzucker bei einer Art Couchtischmassage und die kleine Dame auf dem Boden kniend, friedlich das Popcorn vom Boden essend. Atmen. Notdürftig sauber machen. Ruhig bleiben. Das geschafft, kam ich in den Flur und fand den Buben dabei vor, wie er das rote Dekostroh der Cookies, die er gefunden haben musste, überall in Flur und Schlafzimmer verteilte. Plus Kekskrümel, denn dabei wurden natürlich mit Entzücken auch die Cookies vernichtet. ATMEN. Notdürftig sauber machen. RUHIG BLEIBEN. Danach fand ich beide in Bubes Zimmer, in dem der gesamte Inhalt des Kleiderschranks verteilt worden war. Überall Hosen, Pullis, Bodys. ATMEN. MEHR ATMEN. Raum verlassen.

So geht es im Moment jeden Tag. Der Bube klettert hinter den Fernsehen und versucht, ihn umzuwerfen, sitzt auf Tischen, flutet das Bad oder wirft mit Gegenständen oder Essen. Dazwischen bekommt er entzückende kleine bis große Wutanfälle.

Das Potatoe Digging wurde dann übrigens wetterbedingt abgesagt und das Einhorn-Tattoo gefiel schon am Abend nicht mehr und sollte sofort entfernt werden. Es ist so schön, wenn sich der ganze Aufwand lohnt…

Süßkartoffel-Ersatz

Für den Ausflug auf den Kartoffelacker hatte Benni sich extra einen halben Tag frei gehalten und die kleine Dame war maßlos enttäuscht, dass sie nun nicht die neue Schaufel einsetzen konnte, also musste ein Ersatzprogramm her. Das LEGO Discovery Center, einen kleinen Spielpark in der Nähe, hatten wir bisher gemieden, da am Wochenende an jeder Attraktion lange Schlangen zu erwarten waren. Dafür sind wir noch nicht japanisch genug, noch stresst uns langes Anstehen. Aber es wird langsam besser.

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LEGO oder was es mal werden könnte

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Tokyo Tower aus Plastik

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Beladung eines Containerschiffes für Profis

Ein freier Freitagvormittag schien hingegen mehr als geeignet und wir konnten tatsächlich einfach durchmarschieren und nach Herzenslust ausprobieren, was uns gefiel. Die Kinder konnten die Entstehung eines LEGO-Steins vom Plastikpulver bis zum fertigen Klötzchen verfolgen, ihr Gewicht in LEGO-Steinen herausfinden, mit Laserpistolen auf LEGO-Männchen schießen (?!?), Karussell fahren, auf riesige LEGO-Tiere klettern und Tokio als LEGO-Modell bestaunen und zum Teil sogar steuern. Das war dann auch tatsächlich das erste Mal, dass uns hier in Tokio Godzilla begegnete, als er auf Knopfdruck hinter einem Hochhaus auftauchte. Im anschließenden Shop mussten auch wir Großen uns dann beherrschen, um nicht das eine oder andere Set mitzunehmen. LEGO ist ja aus meiner Sicht für Erwachsene schon so wie Haribo…

Auszeit

Nach einer Woche voller Kleinkind-Unsinn und Rotz- und Motzanfällen war es dann am Samstag echt mal an der Zeit für mich, das Nest alleine zu verlassen. Ich machte mich auf nach Toyosu, dem nördlichsten Ende der Yurikamome Linie, unserer Verbindung nach Odaiba, und bummelte ein bisschen durch die LaLaport-Mall an der Promenade.

Toyosu Promenade

A propos Auszeit, in Japan versteht man etwas von Wellness für zu Hause. Es gibt eine wirklich beeindruckende Auswahl an Kosmetik, Badezusätzen oder Tuchmasken fürs Gesicht. Aber nicht einfach langweilig in Weiß, hier wird auch gleich ein bisschen Unterhaltung zusätzlich geboten: die Auswahl reicht von Geisha-Gesichtern über Kabuki-Motive bis hin zu Tiergesichtern. Großartig! Kabuki ist ein traditionelles japanisches Theater aus der Edo-Zeit, indem die Darsteller Kumadori auftragen, Schminke auf weißem Untergrund, Rot für den Helden, Blau für den Schurken.

 

 

Hagibis

Taifun #19 hat es – anders als Faxai letzten Monat – prominent in die internationalen Medien geschafft. Schon während der vergangenen Woche wurde er zu einem Super-Taifun hochklassifiziert, entsprechend dringlich waren die vielen Warnmeldungen und Notfallpläne, die uns über viele Kanäle erreichten. Hagibis hatte direkten Kurs auf Tokio aufgenommen, so dass klar war, dass wir ab Samstagmorgen im Haus bleiben mussten und uns mit Essen und Wasser eindecken sollten. Da wir in einem relativ neuen Hochhaus wohnen und nicht in einem Einfamilienhaus aus Holz, mussten wir glücklicherweise nicht, wie viele andere, vorsorglich in eine Notunterkunft umziehen. Zudem wussten wir, dass Japan und besonders Tokio sehr gut auf extreme Wetterlagen vorbereitet ist. Die Notfallmaßnahmen werden routiniert verbreitet und verfolgt, ein gigantisches unterirdisches Tunnel- und Auffangsystem reduziert Gefahren durch Überschwemmungen und die Disziplin der Japaner sorgt für geordnete Vorbereitungen.

Dennoch, als Neulinge in Sachen Extremwetterbedingungen und mit zwei kleinen Kindern, die man 100%-in in Sicherheit wissen will, wird einem schon etwas mulmig, wenn sich die Supermarktregale immer weiter leeren und die Warnungen nicht abreißen. So habe ich mich Freitag mit Bube und Dame auch auf den Weg gemacht und unsere Essens- und Windelvorräte eingekauft. Benni hat die Wasserversorgung übernommen, so dass wir Samstag nicht mehr vor die Tür mussten. Draußen wurde es schon morgens immer ungemütlicher, der Regen hörte nicht mehr auf.

Die Kinder waren ganz angetan von der Taifun-Party zu Hause und räumten jedes Puzzle und Spiel ins Wohnzimmer, um den Tag fröhlich im Haus zu verbringen. Wir legten Taschenlampe und Batterien, Kerzen und Feuerzeug bereit und packten einen Notfallrucksack zur Sicherheit. Unsere Trinkwasservorräte ergänzten wir durch eine gefüllte Badewanne, falls die Wasserversorgung tatsächlich unterbrochen werden sollte. Alle Lüftungsdeckel in der Wohnung schlossen wir sobald der Wind deutlich zunahm und das in Hochhäusern übliche 24-Stunden-Frischluftsystem schalteten wir ab.

Warten auf #19

Danach hieß es nur noch abwarten und uns und andere möglichst nicht verrückt machen. Draußen war die sonst so übervolle Stadt menschenleer, ein sehr ungewohnter Anblick. Aus den anderen Präfekturen kamen teilweise  Meldungen von Überflutungen und Evakuierungen, bei uns blieb es bis auf starken Regen und zunehmenden Wind unauffällig. Einmal kam eine Plastiktüte im 37. Stock vorbei geflogen, das war zum Glück alles, so dass wir die Kinder etwas später als sonst, aber sonst ohne Zwischenfälle ins Bett bringen konnten. Gegen 22:30 war Hagibis über Tokio hinweg gezogen und hinterließ ein ruhiges Shibaura um uns herum.

Post Hagibis

Tokio kommt zur Ruhe

Wie auch nach Faxai, empfing uns heute Morgen eine strahlende, wolkenfreie Stadt mit 28 Grad und Sonnenschein. Und wir haben gelernt: ruhig bleiben, den Warnungen folgen und sich nicht verrückt machen lassen und sind froh, dass hier nicht mehr passiert ist.

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Morning After

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Keine Spur von Hagibis

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Der Fuji-San grüßt aus seiner Wolke

 

 

Skytree bis Kitchen Town

Wir haben Tokio ja mittlerweile an so einigen Punkten von oben gesehen: wir waren auf dem Dach des Roppongi Hills Mori Tower, sind die Riesenräder in Edogawa und Odaiba gefahren, durch den Sky-Circus marschiert, haben uns den Tokyo Tower angesehen und wohnen im 37. Stock. Aber auf 450 Metern waren wir bisher noch nicht. Wir haben es endlich auf den Skytree geschafft! Der mit 634 Metern höchste Fernsehturm der Welt und das zweithöchste Bauwerk nach dem Burj Khalifa in Dubai blinkt uns aus Sumida bis ins Wohnzimmer zu.

Was soll ich sagen? Ein Blick über Tokio lohnt sich einfach immer und aus dieser Höhe erst recht. Der Bube war besonders von dem halb verglasten Aufzug angetan, der schon während der Fahrt nach oben kleine Ausschnitte der Stadt zu bieten hat.

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Tokio so weit das Auge reicht

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Das erste Mal ohne Flugzeug in dieser Höhe

Kulinarisches Wunderland

Am Mittwoch habe ich mich dann noch alleine auf Erkundungstour gemacht. Ich wollte mir die Kappabashi Dougu Straße ansehen, auch bekannt als Kitchen Town. Seit 1912 werden hier Artikel rund ums Thema Essen, Küche und Gastronomie angeboten. Das klang interessant. Dort angekommen, stand mir erstmal der Mund offen. In der 800 Meter langen Straße gibt es alles, wirklich ALLES, was man sich unter einer Küchenstadt so vorstellen mag: Töpfe, Pfannen, Besteck, Geschirr, Deko, Lampions, Fake Food aus Plastik, das so echt aussieht, das man reinbeißen könnte, Möbel wohin man auch schaut. Wer in Tokio ein Souvenir sucht, sollte nichts kaufen, bevor er nicht in Kappabashi war. An alle Familienmitglieder und Freunde: die Wahrscheinlichkeit, dass eure Geschenke und Mitbringsel in Zukunft aus Kappabashi stammen, ist enorm hoch!

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Eingang ins Küchenparadies

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Hier stimmt auch die Deko

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Der Skytree grüßt aus einer Seitenstraße

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Jemand eine Essensattrappe?

Definitiv kein Ort für den Rest der Familie – alle drei würden sich wohl schnell langweilen und die beiden kleinsten Vertreter wären zwischen all dem Geschirr denkbar fehl am Platz – aber ich fand es großartig mir unzählige Geschäfte und das Angebot anzuschauen. Und ein paar Schätze mussten natürlich auch mit nach Hause.

Kappabashi Treasures

Ausbeute

Und weil auch etwas Schräges nicht fehlen durfte, gab es für meinen Fahrradschlüssel noch ein Stück aus dem Reich der Plastiklebensmittel, die man hier übrigens vor nahezu jedem Restaurant oder Imbiss findet. Hier kommen die also her!

 

Vorbereitungen

Das kommende Wochenende werden wir aller Voraussicht nach drinnen verbringen müssen. Der 19. Taifun der Saison, Hagibis, hat sich mittlerweile zum Super-Taifun ausgeweitet und wird Faxai übertreffen, wenn er voraussichtlich am Samstag über Tokio hinwegfegt. Mehr als sich einen Vorrat an Wasser und Nahrung zuzulegen und im Haus zu bleiben, kann man nicht wirklich tun, also nisten wir uns im Nest ein und warten ab.