Sommer

Nach einer sehr langen Regenzeit, sind wir inzwischen voll im Tokioter Sommer angekommen. Für uns das erste Mal eine schon bekannte Jahreszeit, nun sind wir schon über ein Jahr in Japan.

So richtig eingestiegen in den Sommer sind wir auf Miyako-jima, einer kleinen japanischen Insel der Okinawa-Gruppe, irgendwo mitten im Wasser zwischen Japan und Taiwan.

Urlaub im Nirgendwo

Miyako-jima war unser Corona-Ersatzziel, da wir als nicht-japanische Einwohner Japans nach wie vor von dem sehr strikten Wiedereinreiseverbot betroffen sind, das seit Anfang April angewendet wird und jedes Reisen, abgesehen von zugrunde liegenden humanitären Notfällen, unmöglich macht. So sehr ich das Einreiseverbot für in Japan lebende Ausländer auch ablehne und im Vergleich zur freien Reisemöglichkeit jedes japanischen Staatsbürgers schlicht als diskriminierend empfinde, für eine Urlaubsreise in Corona-Zeiten finde ich es völlig angemessen, sich auf Reisen innerhalb des Landes zu beschränken. Und wenn dieses Land Japan ist, kann nicht wirklich von einer Beschränkung die Rede sein. Von Modern bis Traditionell, Stadt und Land, Berge und Meer, Japan hat so viel zu bieten, dass es nicht schwer fällt, ein Urlaubsziel zu finden – höchstens weil es zu viele Optionen gibt.
Da wir mit Tokio als Wohnort eher nach Ruhe und Entspannung gesucht haben und ursprünglich ohnehin gerne ans Meer wollten, fiel die Entscheidung schließlich auf Miyako-jima und eine kleine Hotelanlage mit einzelnen Bungalows an der Südküste der Insel. Anders als ich es auf den Bildern aus deutschen Urlaubsorten gesehen habe, war Miyako nicht überfüllt, ganz im Gegenteil: durch den fehlenden internationalen Tourismus und kurz vor der Hauptreisesaison in Japan war die Insel sehr ruhig und wir vermutlich die einzige nicht-japanische Familie weit und breit.

Fotografieren auf Japanisch

Wir sind es ja wirklich schon gewöhnt heimlich oder offen angestarrt zu werden, aber auf dieser beschaulichen Insel, haben wir hier nochmal ein neues Level erreicht. Was ich schon in Tokio gelernt habe, sich aber in Miyako nochmal bestätigte: In Japan gibt es ein paar Meister der sneaky pictures. Während das ungefragte Fotografieren von Fremden hier eigentlich sogar verboten ist, wird es dennoch sehr gerne praktiziert – besonders an uns, wie mir scheint. Aber, weil es ja zum einen verboten ist, und wahrscheinlich auch jedem klar ist, dass das Fotomotiv vielleicht nicht unbedingt einverstanden, ungefragt fotografiert zu werden, wird es eben heimlich gemacht. Da es ja nun aber immer noch nötig ist, das Handy so in Position zu bringen, dass die Linse uns auch einfängt, ist es dann auch nicht immer so heimlich. Zum Beispiel, wenn eine Frau mit erhobenem Handy so schnell und unauffällig wie möglich an uns vorbei geht und schnell auf den Auslöser drückt. Super. Ich versuche, dabei meinen Humor zu behalten und es zu ignorieren, aber ich verstehe ein bisschen mehr, wie schrecklich dieses Verhalten für Promis sein muss. Und in Japan hat das heimliche Fotografieren noch einen unschönen Beigeschmack: gerade das ungewollte Fotografieren von Frauen, besonders das Upskirting, ist dermaßen zur gängigen Praxis geworden, dass man in Japan erworbene Handys nur mit hörbarem Shutter Sound bekommt. Man kann also das Auslöser-Geräusch beim Fotografieren nicht ohne weiteres deaktivieren. Hmm.

Deutsches Dorf und Nemos Freunde

Ungeachtet der fragwürdigen Hobby-Fotografen, hatten wir uns auf ein paar Tage Strandurlaub gefreut und wurden nicht enttäuscht. Miyako-jima hat nicht nur wunderschöne weiße Sandstrände und türkisblaues Wasser sondern auch unzählige Korallenbänke in direkter Strandnähe, so dass auch kleine Nachwuchsschnorchler die Chance hatten, einen vorsichtigen Blick zu riskieren. Und dann auch noch Anemonenfische, also lauter kleine Nemos, in Aktion zu sehen, rief große Begeisterung hervor.

Strandzeit
Erkundungstour
Strandgut
Großer Sandkasten
Unterwasser-Entdecker
Rush Hour bei den Fischen
Anemone mit Bewohnern
Keine Tattoos am Pool…
Fantastisch verpflegt

Aber Miyako-jima hatte für uns ドイツじん, also Deutsche, noch eine besondere Überraschung parat: das Deutsche Kulturdorf!!!
Nachdem 1873 ein Schiff mit deutscher Besatzung auf einem Riff vor Miyako-jima strandete und acht Seeleute gerettet werden konnten, bedankte sich Kaiser Wilhelm I mit einer Gedenkstele, die noch heute ausgestellt ist. 1995 wurde zurückgehend auf diese Vorgeschichte der deutsche Themenpark erbaut. Bestaunen kann der geneigte Insel-Tourist hier neben einem Kinderhaus – dessen Bedeutung sich uns nicht recht erschlossen hat, zudem es neben Diddl-Mäusen Originalstücke der Berliner Mauer beherbergt – und einem Palais im Stil des 18. Jahrhunderts eine Nachbildung der Marksburg am Rhein besichtigen. Eigentlich war der Plan, das Original zu kaufen, in Deutschland abzubauen und auf Miyako wieder zu errichten, was nicht zustande kam.
So bietet sich mit der japanischen Kopie heute der wirklich interessante und gerade für unsere Augen ungewöhnliche Anblick einer typisch deutschen Burg umgeben von einem postkartenwürdigen Südsee-Panorama. Richtig abenteuerlich wurde es für uns dann noch in der Burg, die ein Museum für…naja, Deutschland ist und unter anderem die deutsche Lebensweise präsentieren soll. Falls noch nicht bekannt: wir sind einfach alle Bayern.

Echt jetzt?
Eine deutsche Burg direkt am Meer
Palais gefällig?
Und so sahen Bube und Dame ihr erstes Stück der Berliner Mauer auf Miyako-jima…
Deutsch für (japanische) Anfänger
Oha…aufgepasst
Zünftig!
Selbst die kleine Dame fragt sich, warum die so komisch aussehen.
Bestimmt praktisch so ein Raum für einen Rest

Neben der Besichtigung deutscher Kultur und Lebensweise haben wir aber die meiste Zeit an unserem kleinen Strand verbracht und wahlweise Korallen, Fische, Krebse oder japanische Lebensweise, genauer das Badeverhalten bestaunt. Wenngleich mir hier fast ein eigenes sneaky picture zur Illustration fehlt, beschränke ich mich auf eine kurze Beschreibung des für uns wenig nachvollziehbaren Treibens um uns herum. Während wir in Badeanzügen und -hosen, bisweilen allenfalls noch mit UV-Oberbekleidung gegen die intensivsten Sonnenstunden auf unseren Handtüchern am Strand saßen, Korallen sammelten oder uns im Wasser rumtrieben, um dann je nach Laune und Tageszeit nach ein bis drei Stunden mal wieder den Rückzug anzutreten, sah das bei unseren Mit-Touristen völlig anders aus. Hier ging man nur an den Strand, wenn man ins Wasser wollte, um danach postwendend wieder jeglichem Sonnenlicht zu entfliehen. Statt Badebekleidung wie wir sie kennen, trug man in der Regel: lange Leggins, darüber eine Badeshorts, Longsleeve oft mit (aufgesetzter) Kapuze plus Sonnenhut mit Riesenkrempe. Auch wenn wir aus Tokio schon gewöhnt sind, dass Japaner und Sonne offenbar keine Freunde sind – Sonnenschirme, lange Sleeves für die Arme und besagte Sonnenhüte – das hatten wir dann doch nicht erwartet. Ganz offenbar ist Strandurlaub überhaupt nicht gleich Strandurlaub.

Vertrauter Klang

Wieder zurück zu Hause, war dann auch in Tokio der Sommer angekommen und mit ihm auch unsere geräuschvollen Freunde vom letzten Jahr: die Zikaden. Was sich beim ersten Mal noch ungewohnt und merkwürdig angehört hat, ist jetzt vertraut und wir haben uns alle gefreut, die Krachmacher wieder zu treffen.
Auch die Lautsprecherwarnungen vor Hitzeschlag gibt es wieder, die einen daran erinnern sollen, ausreichend zu trinken, sich nicht zu überanstrengen und nicht lange in der Sonne zu bleiben – bei Temperaturen zwischen 34 und 37 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 60-80%, nicht von der Hand zu weisen.

Zum Glück gibt es die vielen Wasserparks auf Tokios Spielplätzen, die nun wieder in Betrieb sind und die wir gerne nutzen. Währen wir uns ein Plätzchen im Schatten suchen und zuschauen, jagen Bube und Dame durch Wasserbecken und -fontänen. Win-Win.

Auf dem Weg zum Spielplatz
Ein Spielplatz voller Dinos – der kleine Bube kann sein Glück kaum fassen
Wasser marsch!
Endlich bekommen die Pinguine auch mal Wasser zu sehen…
…und viele Kinder!
Egal in welcher Form, Wasser ist gerade immer willkommen
Entspannter Zuschauer auf dem Trockenen

Ohne Fleiß kein Preis

Seit Montag hat für die Kinder das neue Kindergartenjahr begonnen und aufgrund der schon vor den Ferien eingeführten und damit gewohnten Maßnahmen zum Schutz vor Corona, war es ein entspannter Start für Bube und Dame, die sich sehr auf ihre Freunde und Lehrer gefreut haben.

Während der Ferienwochen konnte ich dank Benni, der im Homeoffice ein bisschen Kinderbeaufsichtigung einschieben konnte, meine Sprachkurse fortsetzen. Der Intensivkurs ging mit einer Lern-Expedition durch Azabu-jūban zu Ende. Mit sensei Abe-san besuchten wir zunächst den Jūban Inari-jinja Schrein. Dieser Shintō-Schrein beherbergt zum einen Abbildungen des Schatzschiffes der sieben Götter, ein Zeichen für viel Glück und eine Statue von Kaeru-san, Herrn Frosch, der Glück und verlorene Gegenstände zurückbringen kann und für eine sichere Heimkehr steht. Abe-san hat uns gezeigt, wie in Shintō-Schreinen gebetet wird und uns die Bedeutung der Ema erklärt, Holzplatten, die an den Schreinen gekauft und mit Wünschen beschrieben werden können. Anschließend gibt man sie am Schrein ab und sie werden aufgehängt in die nächsten Gebete mit eingeschlossen.

Aufgang zum Inari-jinja Schrein – bitte immer schön rechts oder links halten, die Mitte ist für die Götter
Die Ema des Schreins mit dem Glück bringenden Schatz-Schiff
Kaeru-san – Herr Frosch – bringt Glück und verlorene Gegenstände zurück

Unsere bis dahin erlernten sprachlichen Fähigkeiten konnten wir dann noch an verschiedenen Aufgaben in Azabu testen. Wir sollten in einer kleinen Donutbäckerei eine Bestellung für das Team der Sprachschule aufgeben, die wir vorher telefonisch erfragen mussten. Mit vielen Knoten im Hirn und laaaaaangsamen Sätzen konnten wir unseren Auftrag erfolgreich ausführen. Danach ging es zu einem der zahlreichen 100¥-Shops, der japanischen Entsprechung der 1€-Läden, nur meist sehr viel nützlicher und mit einem besseren Angebot. Die Aufgabe war ein Paar Stäbchen zu kaufen, mit denen wir später zurück in der Sprachschule in einem Bohnen-Aufsammelwettbewerb gegeneinander antreten durften.

Letzte Station der Expedition war die Statue von Kimi-chan oder dem „Mädchen mit den roten Schuhen“, wovon es insgesamt acht in Japan und eine in San Diego gibt. In einem alten japanischen Kinderlied (Akai Kutsu = rote Schuhe) erinnert sich eine Mutter an ihre Tochter, die mit Ausländern das Land verlassen hat. Das Lied hat eine wahre Geschichte als Ursprung, jedoch wurde das Mädchen den Überlieferungen zufolge von amerikanischen Missionaren adoptiert und sollte mit ihnen in die USA zurückkehren. Vor der Abfahrt erkrankte Kimi-chan jedoch an der damals unheilbaren Tuberkulose und wurde in ein Waisenhaus in Azabu-jūban gebracht, in dem es schließlich starb. Das Waisenhaus stand an der Stelle, an der sich heute der Inari-jinja Schrein befindet.

Auch Kimi-chan trägt Maske

Nach viel Übung und Erkundungstour ging der erste Sprachkurs zu Ende. Mittlerweile bin ich fast mit dem zweiten fertig, wir schreiben und lesen nicht mehr in Romaji sondern ausschließlich in Hiragana und Katakana und haben mit den ersten Kanji begonnen. Stück für Stück werden die Satzstrukturen und das Vokabular dichter und komplizierter. Auf der Straße und in Geschäften feiere ich jedes Wort, das ich verstehe und sagen oder lesen kann.

Kanji, also die komplexeste Schriftform, bringt mich nach wie vor an meine Grenzen. Sowohl aufgrund der entmutigenden Tatsache, dass es davon mehrere Tausend gibt als auch wegen der sehr komplizierten kontextabhängigen Lesart jedes Einzelnen. Ein Kanji hat meist mehrere verschiedene Lesarten, sowohl sinojapanische, zurückgehend auf die chinesische Lesart des Zeichens (kurz on-Lesart) und japanische (kun-Lesart) und hat dabei meist je mehrere in on oder kun. Für eine Bedeutung kann ein Kanji hierbei manchmal für sich alleine stehen, für andere braucht es weitere Kana-Ergänzungen. Ganz abgesehen davon besteht ein Kanji meist aus vielen Strichen und Bögen, die es zusätzlich schwierig machen, es zu lernen. Es gibt noch viel zu tun…

Hausaufgaben

Wenn wir uns nicht gerade in der Schule oder auf Wasserspielplätzen rumtreiben, versuchen wir wieder vorsichtig die zahlreichen Unterhaltungsangebote und Entdeckungstouren Tokios zu nutzen. So zum Beispiel das Tokyo Trick Art Museum. Vor Motiven aus Japans Geschichte und Legenden konnten wir nach Herzenslust posen und die richtige Stelle für die perfekte optische Täuschung suchen.

Insgesamt ist es immer noch schwierig, Museen, Ausstellungen oder andere Einrichtungen zu besuchen, die sich alle sehr viel Mühe geben, die Schutzmaßnahmen vor Corona umzusetzen. In den meisten Fällen ist eine Online-Registrierung je nach Einrichtung zum Teil Wochen im Voraus erforderlich und nicht immer gibt es dazu englische Versionen. Langweilig wird es trotzdem nie, so dass wir mit den Corona-Auflagen insgesamt gut zurecht kommen.

Ab September werden nun endlich auch alle ausländischen Einwohner mit Auflagen wieder nach Japan zurück kehren dürfen, der Einreisebann hat nach fünf Monaten ein Ende. Auch wenn es noch viele offene Fragen gibt, etwa zu der Art der Tests, die man dafür vor und nach dem Flug machen lassen muss, besteht für uns dann grundsätzlich wieder die Möglichkeit nach Deutschland auszureisen und danach wieder an unseren Wohnort zurückkehren zu können. Den Schaden, den diese klare Ungleichbehandlung von japanischen und nicht-japanischen Einwohnern über Monate für internationale Unternehmen und hier lebende Ausländer angerichtet hat, wird noch langfristige Folgen haben. Viele Ausländer, die nicht zurückkehren konnten, haben ihre Wohnung und ihren Arbeitsplatz hier verloren, viele werden nicht mehr zurückkehren, andere, die geplant hatten, nach Japan zu kommen, werden ihre Entscheidung noch einmal überdenken und ein Teil derer, die noch hier sind, werden nicht länger bleiben wollen. Corona hat vieles verändert, aber der Umgang damit macht in vielen verschiedenen Aspekten den Unterschied.

Pflaumenregen

So langsam fühlt sich dieses merkwürdige Zwischenstadium nach dem Lockdown und vor einem Ende der Corona-Krise halbwegs gewohnt an.

Der Schulalltag für die Kinder funktioniert sehr gut und sie genießen es, mit ihren Freunden und Lehrern zusammen zu sein und jede mögliche Minute draußen zu verbringen. Die kleine Dame geht mit ihrer Klasse jeden Tag mindestens einmal in den Park, der kleine Bube setzt mit seiner Gruppe und viel Hingabe den Innenhof der Schule mit dem Gartenschlauch unter Wasser. Und sich.
Benni arbeitet die meiste Zeit nach wie vor zu Hause, jetzt aber deutlich entspannter und ungestörter.

Und ich, ich gehe auch wieder in die Schule. Ich mache endlich meinen lange gebuchten und erwarteten Intensivsprachkurs. Vier Tage die Woche habe ich zwei Stunden Unterricht und weil es in der Klasse neben mir nur einen weiteren Wahnsinnigen gibt, haben wir quasi Privatunterricht, was wirklich effizient ist. Das und die Tatsache, dass wir jeden Tag nicht nur Hausaufgaben machen müssen sondern auch noch einen Test schreiben. Wir haben zwei Japanischlehrerinnen, eine für einen der vier Tage, die andere für die drei übrigen.
Nummer 1 ist die sehr entspannte, humorvolle Emiko-san, die in ihrem vergangenen Leben schon Tauchlehrerin auf den Fidschi-Inseln und Sprachlehrerin in der Slowakei war. Abe-san ist die Lehrerin, mit der wir am meisten Zeit verbringen und die ich nur Sensei nenne, wenn ich Benni von ihr erzähle. Sensei heißt Lehrer auf Japanisch und Abe-san hat sehr viel von meiner Vorstellung einer japanischen Lehrerin. Sie ist streng, fokussiert und überrascht gerne mit Sätzen wie „Oh, I don‘t know this comedian, I do not have a television“, „I don‘t drink!“, beides sehr energisch ausgesprochen oder „How do you manage to find your way with the trains, yesterday I had to travel to Ōsaki and I got completely lost. I come from the countryside, I get confused here.“ Dazu muss man sagen, Ōsaki ist drei Stationen von meiner Station entfernt, also super zentral und leicht zu finden. Sensei ist speziell, aber nicht auf eine negative Art. Ich lerne viel von ihr und habe sie gerne als Lehrerin, sie ist nur völlig anders als Emiko-san. Emiko ist übrigens ein Vorname und Abe ein Nachname, also schon in der Ansprache beginnen die Unterschiede.

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Schulbank

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Auch die Korrektur kann kawaii – Bärchen sagt, das habe ich gut gemacht

Naja, jedenfalls bin ich jetzt wieder Schülerin und muss echt ackern. Da ich den ersten Intensivkurs übersprungen habe, weil ich ja schon eine Weile Japanisch lerne, wird Hiragana, das erste der beiden „einfachen“ Schriftsysteme schon vorausgesetzt, gerne aber abgefragt. Zusätzlich lernen wir jetzt Katakana, also das Zeichensystem, mit dem vor allem Fremdwörter oder ausländische Namen geschrieben werden.

Ein neuer Name

Das Schöne ist, im Japanischen werden auch die Fremdwörter nicht einfach übernommen, sondern so umgelautet, dass sie zwar ausgesprochen ähnlich klingen wie das Original, aber in unsere Augen abenteuerlich geschrieben aussehen (wenn man sie in Romaji, also unser Schriftsystem, überträgt). Beispiel gefällig? Der Sky Tree, ein wichtiges Wahrzeichen der Stadt, heißt スカイツリー (sukaitsurī – bitte laut aussprechen…).
Die größte Offenbarung für mich aber ist mein Name! Als ich nach Japan kam, wurde mir mein Name wie folgt aufgeschrieben: シモネ (shimone, weil es interessanterweise zwar die Laute sa, se, so und su gibt, nicht aber si, das wird automatisch zu shi). So heiße ich also schon seit elf Monaten Shimone. Man gewöhnt sich an alles. Bis Sensei mal richtig hinhörte und feststellte, dass ich meinen Namen anders ausspreche. Und, Überraschung, weil Katakana ja für fremde Wörter gemacht wurde, gibt es auch Zusatzlaute, die mit ein paar Hilfszeichen gebildet werden, so auch ein ズィ(zui = zi = ausgesprochen als unser si). Hier wird ein großes zu von einem kleinen i begleitet und damit ein neuer Laut gebildet. Ich heiße also gar nicht シモネ, ich heiße ズィモネ. Ich bin entzückt!

Pikachu gratuliert

Entzückt war auch die kleine Dame, als sie dieser Tage ihren heiß ersehnten fünften Geburtstag feiern durfte. Dank Corona gab es zwar keinen Kindergeburtstag mit ihren Freunden am Nachmittag, aber wir haben uns aus den bereits geöffneten Möglichkeiten etwas anderes ausgesucht. Nach großem Geburtstagsfrühstück und anschließendem Ehrentag im Kindergarten ging es gleich weiter nach Nihonbashi ins Pokémon-Café. In Japan sind Themen-Cafés sehr beliebt und neben Tieren in Pet-Cafés vor allen Dingen Serienfiguren gewidmet. Um Pokémon kommt man in Tokio kaum herum, so kannten die kleine Dame und der Bube Pikachu und seine Freunde gut genug, um tellergroße Augen zu bekommen beim Anblick des bunten Cafés. Wie es sich für ein echtes Themen-Café gehört, waren auch das Essen und die Getränke quietschebunt. Zur Feier des Tages durften eine Pikachu- und eine Hitokage-Tasse mit nach Hause, aus denen seitdem andächtig Tee und Kakao getrunken wird.

So sieht Social-Distancing übrigens im Pokémon-Café aus:

Social Distancing

Niedliche Platzhalter

Tsyuyu

Wir können theoretisch also wieder rausgehen. Sonne genießen und so. Ging auch kurz gut und war fantastisch, dann kam tsuyu, die Regenzeit. Etwa einen Monat lang regnet es jetzt fast jeden Tag, mehr oder weniger ununterbrochen. Und das bei Temperaturen zwischen 20 und 27 Grad, Dampfsauna pur. Letztes Jahr sind wir in den letzten Tagen der Regenzeit angekommen, ab hier kennen wir uns also quasi aus klimatisch.

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Große kleine Regenfans

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Begeisterung in Grenzen

Die Kinder sind gut ausgerüstet mit Regenjacke , Gummistiefeln und stecken auf dem Weg zum Bus trocken unter den Regenabdeckungen der Kindersitze. Ich versuche mit Regenjacke oder -poncho und Gummistiefeln, aber eben ohne Sitzabdeckung das meiste abzuhalten, was so leidlich gelingt auf dem Rad. Für eine Regenhose ist es mir dann aber wirklich zu warm, dann werde ich lieber vom Regen nass, als vom Schweiß. Das kommt noch früh genug wieder.

Durch die Massen an Menschen zu navigieren – ohnehin schon eine Herausforderung – wird durch die Regenschirmthematik auf die Spitze getrieben. Ich fühle mich bisweilen wie in einem alten Jump‘n‘Run Spiel, wenn ich den bunten Kreisen ausweiche, die vor mir oder gerne auch urplötzlich von der Seite auftauchen.

Die Kanji für Regenzeit setzen sich übrigens aus Regen und…es darf gerne geraten werden…einer Pflaume zusammen! Niemand? Wenn noch jemand daran gezweifelt hat, wie schwer die japanische Schrift inklusive der bedeutungstragenden Kanji ist, der Pflaumenregen ist ein schönes Beispiel. Klar, wenn Pflaumenzeit ist und es zusätzlich noch regnet, ist Regenzeit. Easy.

Pflaume

Pflaumenzeit

Auf Rüsselsuche

Sonntag hat Tsuyu mal eine Pause eingelegt und wir gleich mit. Wir haben das schöne Wetter genutzt, um Tokio mal kurz den Rücken zu kehren und sind ins benachbarte Yokohama gefahren.
Yokohama ist nach Einwohnerzahl die zweitgrößte Stadt Japans und Hauptstadt der Präfektur Kanagawa. Nur eine halbe Stunde Bahnfahrt entfernt und Standort der Deutschen Schule, ist es zudem ein beliebter Wohnort für Deutsche, die in Tokio oder Umgebung arbeiten.

Wir haben unseren Tag in China Town beginnen lassen, das größte Mini-China in Japan, und haben uns den Rest des Tages am Wasser rumgetrieben. Yokohama hat eine wirklich schöne Promenade. Das historische Fracht- und Passagierfest Hikawa Maru haben wir uns für den nächsten Besuch aufgehoben, da der Bube exakt davor in seinen Mittagsschlaf entschwunden ist.

Der Yamashita Park direkt an der Promenade war dann ein zu guter Platz für ein Picknick. Im Land der Konbinis ist es auch kein Hindernis, wenn man einfach nichts picknickartiges eingepackt hat: große Plane als Picknickdecke inklusive Heringe zum Festmachen für umgerechnet weniger als 3€, eine umfangreiche Auswahl an Sandwiches, Reisbällchen, Joghurts, Knabbersachen, kalten und warmen Getränken etc. – alles vorrätig für eine Pause.
Weiter am Wasser entlang sind wir bis zum Zō no hana Park gekommen. Zō ist der Elefant und hana ist die Nase, also im Wesentlichen Elefantenrüsselpark. Ursprünglich gab es an dieser Stelle des Ufers Dammkonstruktionen, die Elefantenrüsseln ähnelten, die heute allerdings nicht mehr da sind. Leider ist auch die große neuere Elefantenrüsselstatue, die wir gesucht hatten, nicht mehr da. Der Park verliert also scheinbar ganz gerne mal seine Nasen.

Nach einem Tag mit strahlendem Sonnenschein, kündigten sich im Nasenpark dann wieder die dunklen Wolken der Pflaumenzeit an, also ließen wir es für unseren ersten Yokohama-Trip dann mal gut sein.

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Reiselust

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Tor zu China

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Zuckererdbeeren

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New normal?

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Die Hikawa Maru

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Auslauf an der Promenade

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Konbini geht immer

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Doch noch ein Elefantenrüssel

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Straßenstreuner

Ich wurde neulich gefragt, wie es wohl jenseits der ausgewählten Bilder so in Tokio aussieht.

Ich habe mich schon so an die Stadt und ihr Erscheinungsbild gewöhnt, dass ich erst einmal überlegen musste, ob es so anders als in Deutschland ist. Ich empfinde es ja abseits der bunten Vierteln wie Shinjuku oder Roppongi als erfrischend normal und unaufgeregt und habe zum Abschluss mal ein paar ganz alltägliche Straßenbilder von meinen Wegen angehängt.

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Hier hält der Schulbus

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Der Tokyo Tower ist allgegenwärtig in Minato-ku

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Restaurant in Azabu-Jūban

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Gemütliche Einkaufsstraßen von Azabu

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Seitenstraße in Ginza

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Die Fußgängerampeln zeigen rote/grüne Punkte an und zählen runter bis sie die Farbe wechseln, bei z.T. sehr großen Straßen eine echte Hilfe zum Einschätzen, ob man es wohl noch schaffen könnte

Fahrrad

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Fahrradparkhaus in Azabu-Jūban, wild parken ist verboten, Räder werden abgeschleppt

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Das Rad kommt in Fahrradständer mit Schloss, die automatisch verriegeln…

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..und erst wieder entsperren, wenn am Parkautomat bezahlt wurde

Autos

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Parkraum für Autos ist knapp

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Platz zum Abbiegen auch, dafür gibt es Drehscheiben, die das Auto in die richtige Position zum Ein- und Ausfahren bringen

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Straßen werden gerne gestapelt

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Unter einem Straßenstapel

Bahn

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Ticket Gates

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Viele Bahnsteige sind sehr gut mit Absperrungen gesichert

New normal auf Japanisch

Die japanische Regierung hat letzte Woche Montag kinkū jitai sengen no kaijo bekannt gegeben, die offizielle Aufhebung des Notstands, dann auch für die letzten verbleibenden Präfekturen inklusive Tokio.

Wie andere Länder auch, zieht Japan anlässlich der Lockerungen Bilanz: 17.000 registrierte Fälle von Infektionen und 850 Todesfälle. Es ist kein Geheimnis, dass ungeachtet zahlreicher Empfehlungen und Warnungen japanischer und internationaler Experten vergleichsweise wenige Tests durchgeführt wurden und werden. Wie aussagekräftig also die erste Zahl ist, sei dahingestellt. Allerdings spricht die im weltweiten Vergleich geringe Zahl an Todesfällen sehr dafür, dass Japan entweder sehr viel Glück hatte oder sehr viel richtig gemacht hat hat. Oder beides.

Als einflussreiche Faktoren für diese Entwicklung werden immer wieder das Gesundheitssystem, die effektive Lokalisierung von Clustern im Anfangszeitraum und die allgemeine Neigung der Japaner zu einem gesunden Lebensstil genannt.
Die Maßnahmen des Lockdowns waren zwar nicht gesetzlich bindend, haben aber dennoch zu einem deutlichen Rückgang der Besucherströme in Restaurants, Cafés, öffentlichen Anlagen, Büros und in der Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs geführt. Auch, was die unkomplizierte und bereitwillige Nutzung von Masken angeht, sind sich immer mehr Experten einig, dass dieser Umstand Japan im Kampf gegen Corona bisher sehr geholfen hat.

Die japanische Regierung hat sich zur Bewertung vor Aufhebung des Notstands für ein 3-Kriterien-System entschieden, dass die einzelnen Präfekturen erfüllen mussten: ein Verhältnis von Neuinfektionen pro Woche von weniger als 0,5 pro 100.000 Personen, die Stabilität des Gesundheitssystems unter Einbeziehung von verfügbaren Krankenhausbetten und Anzahl der Personen mit schweren Symptomen sowie die Fähigkeit Infektionen zu überwachen, z.B. durch Testverfahren.
„The Japanese model has demonstrated its strenght“, fasst Premieminister Abe zusammen.

Übrigens eine völlig andere Wortwahl, als die von Jens Spahn in einem Artikel in der Japan Times: „[…] it makes us humble, rather than overconfident“ sagt er in Bezug auf Deutschlands Sicht auf den – von der internationalen Presse wiederholt gelobten – Umgang mit dem Virus.

International Media

Blick von außen

Mal ganz abgesehen von der Corona-Krise ist es für mich hier am anderen Ende der Welt sehr aufschlussreich über die Geschehnisse in Deutschland auch mal aus internationaler Sicht zu lesen. Klar hätte ich das auch früher haben können, ich habe die internationalen Medien aber nie oder wenn, nur zufällig, genutzt, um mich über deutsche Zusammenhänge zu informieren. Und aktuell, ganz speziell im Falle einer so großen weltweiten Krise, ist es neben der deutschen Berichterstattung, mit all ihren Facetten und oftmals ermüdenden Details wie dem Unmut der Deutschen Masken zu tragen oder Massendemonstrationen gegen Corona-Maßnahmen, auch einfach mal schön zu lesen, dass Deutschland eine ganze Menge richtig gemacht zu haben scheint. Und, um nochmal auf die Wortwahl zurückzukommen, ohne Kriegsmetaphern zu wählen sondern statt dessen das Miteinander und eine gemeinsame Verantwortung in den Fokus zu stellen.

Zurück ins Neue

Aber wieder zu Japan. Was bedeutet nun die Aufhebung des Notstands für den Alltag hier? Was ist dieses ‚new normal’ in Japan?

Auf Japanisch ist es zunächst einmal korona jidai no aratana nichijō. Korona jidai bezeichnet hier die Era des Coronavirus und aratana nichijō bedeutet in etwa ‚neu jeden Tag‘.
In der Praxis heißt das erstmal, dass die Geschäfte und Kaufhäuser wieder geöffnet haben und die etablierten Social Distancing Maßnahmen beibehalten werden, also Masken tragen, Abstand halten, Hände waschen etc. Veranstaltungen werden nach und nach wieder zugelassen von wenigen Teilnehmern bis zu Großveranstaltungen, je nach Verlauf. Auch in Japan ist klar, dass es eine Rückkehr zum „Vorher“ erstmal nicht geben wird. Jede Präfektur will in einem 3-stufigen Prozess die Maßnahmen lockern, seit diesem Montag befinden wir uns in Stufe 2, in der bis auf große Entertainmenteinrichtungen oder Großveranstaltungen soweit wieder alles in Betrieb ist, wenn auch mit Einschränkungen.

Gaijin in Japan

Welche Maßnahmen richtig sind und zu welcher Zeit, sie durchgeführt werden sollten, ist sicherlich weltweit eine anspruchsvolle Entscheidung und schwer einzuschätzen und zu bewerten. Eine bestimmte Entscheidung der japanischen Regierung gibt mir als Gaijin, also Ausländer in Japan, allerdings sehr zu denken: als einziges Land der G7 verhindern die Einreisebeschränkungen Japans seit April eine Einreise von Ausländern, auch wenn sie Einwohner des Landes sind, so wie wir, oder sogar mit einem Japaner oder einer Japanerin verheiratet sind. Seit Wochen betrifft diese Regelung mehr und mehr in Japan lebende Ausländer, die aus vielen Gründen in anderen Ländern festsitzen und keine Möglichkeit haben in ihr Zuhause, in ihren Job und zu ihren Familien und Freunden zurückzukehren. Für uns heißt das: müssten wir etwa aufgrund eines Notfalls in der Familie das Land verlassen, könnten wir auf unbestimmte Zeit nicht an unseren Wohnort zurückkehren. Zwar gibt es offiziell die Möglichkeit, eine Sondererlaubnis zu beantragen, aber keine Voraussetzungen oder Garantien dafür.

Auch wenn mir bewusst ist, dass Japan mit einem sehr geringen Ausländeranteil von knapp 2% in vielen Fällen noch mit vielen Vorbehalten gegenüber Ausländern bis hin zu unverhohlenem Rassismus zu kämpfen hat, ist mir persönlich bisher nichts dergleichen begegnet. Außer den alltäglichen Blicken, die eine 1,78 Meter große, blonde Frau nunmal zwischen im Schnitt 1,70 Meter großen Japanern und 1,58 Meter großen Japanerinnen hervorruft, gibt es bisher zum Glück keine blöden Erfahrungen und das darf auch gerne so bleiben. Allerdings leben auch über 20% der Ausländer in Japan hier in Tokio und ganz besonders in Minato-ku, unserem Stadtteil, so dass wir hier nicht ganz so ungewohnt erscheinen wie im restlichen Land. Umso mehr finde ich diese von der Regierung angeordnete, klar diskriminierende Einreisebeschränkung, die in Japan lebende Ausländer in zum Teil existenzbedrohende Situationen bringt, sehr besorgniserregend.

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Endlich wieder raus, da ist Bahnfahren schon ein Erlebnis

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Glaube, der Affe braucht auch eine Maske

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Runter mit der Wolle

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Social Distancing beim Einkauf

93 Tage später

Seit Montag sind die Kinder nach 93 Tagen zu Hause wieder in der Schule. Die kleine Dame war so aufgeregt, dass sie die Wochenenden ab sofort am liebsten abschaffen wollte und senkrecht im Bett saß, sobald ich um 6.30 Uhr die Zimmertür geöffnet hatte. Der kleine Bube war noch etwas skeptisch: „Bus? Ich bleibe hier!“ Er fand es dann aber doch auch super und ist am Dienstag gleich mit Schwung Richtung Fahrrad und Bus aufgebrochen.

Aus Deutschland lese und höre ich immer wieder, wie schwer die Betreuungssituation sich für die Familien gestaltet. Noch lange nicht alle Einrichtungen sind geöffnet, viele nur teilweise und an echten Konzepten mangelt es oft noch.

Was das angeht, haben wir es mit unserer internationalen Schule sehr gut getroffen. Das gesamte Team hat sehr viel Arbeit in die Ausarbeitung eines Hygienekonzeptes gesteckt, das allen Beteiligten eine möglich sichere und gleichzeitig unbeschwerte Betreuungszeit ermöglichen soll. Die Kinder tragen ab sofort im Innenbereich Masken, dürfen aber eine Pause davon machen, wenn sie wollen. Sie spielen nicht so unmittelbar und eng miteinander wie gewohnt und erhalten beispielsweise eigene Beutel mit Stiften, Schere, Kleber etc., so dass häufig genutzte Utensilien nicht ständig hin und hergereicht werden müssen. Stündlich werden währen des Schultages die Flächen gereinigt und desinfiziert, jeden Tag erfolgt eine professionelle Komplettreinigung der Schule und Eltern können bis auf weiteres die Schule nicht betreten sondern müssen in getrennten Bereichen vor dem Gebäude warten. Bei allen Kindern wird jeden Morgen Fieber gemessen, bei einer Temperatur von mehr als 37,5 Grad Celsius können sie nicht teilnehmen.

Die Einhaltung aller Maßnahmen im normalen Schulalltag ist viel Arbeit für alle Lehrer und Mitarbeiter, die sich zusätzlich alle bereit erklärt haben, das Schuljahr um vier Wochen zu verlängern, um den Kindern jetzt noch insgesamt sechs Wochen Schulalltag zu ermöglichen.

Sofern kein Kind krank wird und sich die Situation nicht wieder verschlechtert, kann ich so vielleicht noch einen Monat meinen Intensivsprachkurs machen, Benni kann einen halben Tag ohne Gewusel arbeiten und die Kinder können endlich wieder ein Stück weit Normalität genießen und ihre Freunde sehen.

Wie lange das möglich sein wird, wird sich noch zeigen. Aktuell steigen die Infektionszahlen in Tokio wieder an, ein Grund das Warnsystem der Stadt zu aktivieren: neben einer Pressemitteilung soll die Beleuchtung der Rainbow-Bridge und des Tokyo Government Buildings in Rot alle Tokioter daran erinnern, sich an die Verhaltensrichtlinien zu halten und vorsichtig zu sein.

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Auf Käferjagd

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Das Jagdrevier

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Stadtautobahn und Straße übereinander – hier wird gestapelt, was geht

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Noch mehr Käfer?

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Der BMX Parcours für Olympia – es wäre so schön gewesen

 

Lockdown-Alltag

So. Lockdown Teil 2. Nach fast sechs Wochen Teilschließungen, wurde ab dem 8. April auch in Japan der Notstand für zunächst acht Präfekturen beschlossen, allen voran aufgrund der Infektionszahlen natürlich Tokio. Zehn Tage später wurde der State of Emergency bis zum 6. Mai auf ganz Japan ausgeweitet und jetzt noch einmal verlängert bis Ende Mai. Die jeweiligen Gesetzgebungen für einen Notstand variieren weltweit stark. In Japan bedeutet es neben der Ausweitung der Schließungen auf alle Geschäfte und Einrichtungen, die nicht unbedingt erforderlich sind, und einigen zusätzlichen Befugnissen, dass die Regierung die Bevölkerung auffordern darf, zu Hause zu bleiben. Auffordern im Sinne von dringlich darauf hinweisen. Die Befolgung dieser Aufforderung kann auch kontrolliert werden. Mehr aber auch nicht, es gibt keine rechtliche Grundlage, um die Nichteinhaltung der Aufforderung unter Strafe zu stellen.

In der Realität heißt das, dass man dennoch viele Menschen auf den Spielplätzen und in den Parks sieht, sofern sie nicht geschlossen sind. Auch viele private Kindergärten sind weiterhin geöffnet und ausgelastet. Wenn man bedenkt, dass genug Unternehmen immer noch kein Homeoffice anbieten oder es zwar anbieten, aber nicht wirklich unterstützen, ist es allerdings verständlich, dass arbeitende Eltern keine Alternativen sehen, als die geöffneten Kindergärten weiter zu nutzen.

Keine Angst vor Masken

Eine Sache, die hier in Japan sicherlich eine große Rolle sowohl für die Entwicklung der Zahlen, als auch für den Umgang mit Social Distancing spielen, ist die grundsätzliche Handhabung von Hygiene-Maßnahmen. Masken wurden hier schon lange getragen, als viele Nationen noch müde darüber gelächelt haben. Nach zehn Monaten in einem Land, in dem Masken aus Rücksicht vor anderen völlig normal sind, auch bei einer gewöhnlichen Erkältung, bin ich manchmal sprachlos, wenn ich lese, dass Menschen sich ihrer Grundrechte und jeglicher Möglichkeiten ihren Gefühlsausdruck kund zu tun beraubt fühlen, weil sie nun für eine Weile Masken tragen sollen.
Händeschütteln ist in Japan ohnehin kein Thema, man verbeugt sich freundlich zur Begrüßung. Desinfektionsmittel wurden schon vor Corona in den Eingangsbereichen vieler Restaurants und Geschäfte bereitgestellt. Und es gilt ein besonders vorsichtiger Umgang mit Schuhen. In einer üblichen japanischen Wohnung ist der Eingangsbereich extra abgesetzt, entweder durch eine Stufe oder wie bei uns durch Fliesen. In dieser Zone werden die Schuhe ausgezogen und kein Bereich der restlichen Wohnung wird jemals damit betreten. In manchen Fällen gibt es noch unterschiedliche Hausschuhe für Wohnbereiche und Toilette. All diese Gewohnheiten sind sicherlich sehr hilfreich im Kampf gegen Corona, allerdings tragen sie aktuell vielleicht auch ein Stück weit dazu bei, dass ein trügerisches Sicherheitsgefühl entsteht und Social Distancing nicht immer ganz so ernst genommen wird. Auf der anderen Seite scheint das nicht nur hier in Japan ein Problem zu sein.

Insgesamt aber fällt es in einer so großen und vor allen Dingen dicht besiedelten Stadt wie Tokio deutlich auf, wenn viele Menschen zu Hause bleiben. Es ist sehr ungewohnt die zeitweise leeren Straßen und Bahnen zu sehen, wo sonst Menschen dicht an dicht zusammen stehen und gehen. Im großen und ganzen werden die Maßnahmen also eingehalten, aber es wird sich zeigen, ob das reichen wird.

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Kaum zu glauben – leere Bahnen mitten in Tokio

Nest-Geschehen

Für uns hat gerade die elfte Woche der Schulschließungen begonnen und seit fünf Wochen haben wir täglich Online-Meetings mit den beiden Klassen der Kinder. Die Lehrer geben sich sehr viel Mühe, die Kinder zu beschäftigen und ihnen einfach wieder ein Stück Alltag mit ihren Freunden und Betreuern zu bieten. Das ist eine echte Bereicherung und macht beiden viel Spaß.

Online Learning

Kindergarten online

Unser Tagesablauf ist nun vor allem vormittags mehr oder weniger durchgetaktet. Um 9.30 Uhr, nachdem bereits gespielt, gefrühstückt und die Wohnung zum ersten Mal verwüstet wurde, findet die Session für den kleinen Buben statt, die kleine Dame ist selbstredend auch in der kleinen Gruppe voll mit dabei. Das Morgenlied wird gesungen, das Wetter diskutiert (ja, das Wetter ist schon in sehr frühen Jahren ein Thema) und dann wird je nach Wochentag eine halbe Stunde zusammen Snack-Time gemacht, getanzt und gesungen, gespielt gebastelt oder Geschichten gelauscht. Sehr beliebt war hier die Sensorik-Flasche, die die Kinder gemeinsam an ihren Bildschirmen mit Perlen, Spielzeugen, Pfeifenreinigern oder was sonst gerade greifbar und klein genug war, befüllt haben und anschließend mit Wasser auffüllen durften. Tagelang wurde danach noch geschüttelt und gestaunt.

Um 10.45 Uhr ist Session-Time mit der Gruppe der kleinen Dame. Auch hier wird gesungen, gespielt und gebastelt, aber schon die fortgeschrittene Version mit Zahlen, Buchstaben und anderen Lerninhalten. Ich bin jedes Mal begeistert, was die Gruppe schon alles aufnimmt und in Windeseile begreift. Schön, das mal live beobachten zu können, statt nur, wie sonst, Bruchstücke davon erzählt zu bekommen.

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Basteln mit der Klasse

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Schüttelspaß

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Gemeinsame Sandwich-Session

Um 11.15 Uhr beginnt die von mir eingeführte „Erik-Zeit“. Erik ist der Moderator des ZDF-Lernfernsehens PUR+, der den Kindern so lange etwas über wilde Tiere, Fallschirmspringen, Extremtauchen, Farben usw. erzählt, bis ich mal in Ruhe eine Runde Sport gemacht habe.

Steffi online

Wie so vieles im Moment, findet auch der Sport für mich dank Gymondo online statt. So hopse und springe ich über meine Matte im Schlafzimmer und einmal die Woche gibt es sogar ein ganz besonderes Highlight für mich: Steffi! Wer oder was ist Steffi? Nicht nur ist Steffi eine großartige und liebenswerte Persönlichkeit, sie ist auch die Trainerin, die ich jedem nur wünschen kann. Sie hat sich mit ihrem Programm Mami & mini auf Fitnesskurse nach der Geburt spezialisiert, zu deren Einstiegsversionen man die Babys mitbringen kann. Nach der Geburt der kleinen Dame war das ein großer Glücksfall für mich, da ich zu den üblicherweise abends angebotenen Sportprogrammen für Mamas ohne die Babys nicht teilnehmen konnte mit Bennis Arbeitsrhythmus. Seitdem habe ich mich sowohl mit der kleinen Dame als auch mit dem kleinen Buben durch so viele von Steffis Kursen wie möglich geturnt, konnte aber leider das nachfolgende Bootcamp nie nutzen, weil auch das ohne Kinder statt findet. Aaaaaaaber jetzt! Um die vielen Mamas im Lockdown abzuholen, hatte Steffi die grandiose Idee, ihre Kurse jetzt online anzubieten und so habe ich sogar aus Tokio die Möglichkeit endlich mal wieder mitzumachen. Ein dickes Danke dafür!

Nach der Sporteinheit des Tages und der danach dringend nötigen Dusche im Schnelldurchlauf ist sowas von Mittagspause angesagt. Der kleine Bube schläft selig eine ordentliche Runde, die kleine Dame ist froh, dass sie mal ungestört mit ihren Bereichen des Tablets schalten und walten darf und ich schaffe meistens noch einen schnellen Einkauf, bevor ich auf der Couch kollabiere, bevor der Nachmittag wieder mit seinem geballten Chaos Fahrt aufnimmt: „Mama, schau, wir haben eure Klamotten zum Verkleiden genommen!“, „Mama, hier ist es total nass, er [der kleine Bube] hat die Wasserflasche selbst aufbekommen – toll, oder?!“, „Ich spiele lieber in eurem Schlafzimmer, in unseren Zimmern liegt überall was auf dem Boden.“, „Mama, wir sollen doch nicht mit den Stiften an die Wand malen, oder?“…

Rausgehen ist eine Herausforderung, nicht nur, weil man hier erstmal Wege finden muss, die nicht voller anderer Eltern mit Kindern sind, denen auch die Bude auf den Kopf gestellt wird, sondern auch, weil ich jedes Mal das Gefühl habe, einen Sack Flöhe Gassi zu führen. Da werden wie wild Pflanzen gepflückt (und zu Hause liebevoll ins Wasser gestellt), Enten, Katzen, Hunde, Raupen und Käfer bestaunt, entgegengesetzte Richtungen gleichzeitig erkundet und Laufgeschwindigkeiten erheblich variiert. Von den Ampeln und dem Erlernen ihrer Grundregeln für die Zweijährigen unter uns will ich gar nicht anfangen.

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Unser Lieblingsweg

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Ein Team

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Päuschen mit Aussicht

Nach Abendessen und gefühlten Stunden des Aufräumens bleibt mir nicht mehr viel Zeit, bis ich kapituliere und selbst schlafen gehe. So viel zum Alltag im Lockdown. Auf ein Neues morgen!

Der Wahnsinn im Bild

Kunst im Vorbeigehen

Jegliche Sightseeing-Aktivität muss leider auf bessere Zeiten warten, aber ich habe wenigstens die „25 Porticos: The Color and its Reflexions“ auf Odaiba mal schnell festgehalten, ein Kunstwerk von Daniel Buren, an dem ich oft vorbeikomme. Ein klitzekleines Stückchen Tokio-Tourismus, den ich sehr vermisse.

25 Porticos

25 Porticos von Daniel Buren (1996)

Zeit im Nest

Als Japan vor mittlerweile vier Wochen die Schließung von Schulen, Museen, Zoos und anderen Einrichtungen des öffentlichen Lebens beschlossen hat und wir uns auf einmal von unserem gerade erst eingeschwungenen Alltag verabschieden mussten, sah es in Europa noch völlig anders aus. Wir haben uns gefragt, ob wir für eine Weile zurückgehen sollten, um im Zweifel im eigenen Land unter Ausgangssperre zu stehen, wo wir die bereit gestellten Informationen besser verfolgen und verstehen könnten und um näher bei unseren Lieben zu sein.

Wir sind geblieben und was das heißt, werden wir wohl noch feststellen. Noch haben wir keine Ausgangssperre, aber eine neue Notstandsgesetzgebung für SARS-CoV-2 ist verabschiedet, so dass entsprechende Maßnahmen jederzeit angeordnet werden können, wenn nötig.
Viele Unterhaltungseinrichtungen sind geschlossen und für Geschäfte gelten eingeschränkte Öffnungszeiten, davon abgesehen konnten wir in den letzten Wochen aber einkaufen, auf Spielplätze, in Parks, Restaurants und Shopping Center gehen. Tatsächlich haben wir uns auf Spielplätze und Parks, Spaziergänge und kleinere Radtouren beschränkt.

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Es bleibt die Frage, warum Japan scheinbar so glimpflich davon kommt und ob das dicke Ende noch kommt. Es sieht nach letzterem aus. Offiziell gibt es nach Stand von Sonntag 1.084 Infektionen und 41 Todesfälle. Klar ist allerdings auch, dass Japan sich sehr zurückhält, was die ausgeführten Tests angeht. Nicht nötig, sagt die Regierung, sehr wohl nötig sagen andere. Das Auswärtige Amt schreibt in seinem letzten Landsleutebrief (ja, so wird man angesprochen, wenn man sich als im Ausland lebende Deutsche registriert), das Infektionsrisiko in Japan sei nicht seriös einzuschätzen.

Mit der offiziellen Verschiebung der Olympischen Spiele, stellt Tokio nun auf einmal einen deutlichen Anstieg neuer Infektionen fest und verschärft die Vorgaben. Eine Ausgangssperre wird immer wahrscheinlicher. Und wieder leere Regale im Supermarkt. Ähnlich wie in Deutschland werden die neuen Zahlen und das Verhalten der Tokioter am Wochenende zeigen, wie danach verfahren wird. Wir warten weiter.

Eingenistet

Wie der Rest der Welt, verbringen wir während wir warten viiiiiiieeeel Zeit zu Hause in unserem Nest. Mit zwei kleinen Kindern kann ich nicht behaupten, dass ich mich socially distanced fühle. Sozialer Overload trifft es eher. Es ist viel, es ist anstrengend, aber lassen wir die Kirche im Dorf, es geht uns gut. Ich muss nicht arbeiten, so dass die Kinderbetreuung gesichert ist, wir müssen uns erstmal keine Sorgen um einen Arbeitsplatz machen, wir gehören nicht zur COVID-19-Risikogruppe und wir haben Klopapier. Machen wir also das Beste daraus. Nein, nicht aus dem Klopapier.

Pures Gold

Wie sehr viele Mamas und Papas weltweit, bin ich also auf der stetigen Suche nach Indoor-Beschäftigungsmöglichkeiten für meine beiden Mini-Mitbewohner. Mit einer Neubestellung Bücher und einem großen Einkauf an Bastel- und Malutensilien konnte schonmal eine gewisse Grundlage geschaffen werden. Damit haben wir inzwischen Schnecken aus Pappschüsseln und Tonpapier gebastelt, wilde Wasserfarbenbilder und Ausmalbilder gemalt, Ketten gefädelt, Aufkleberkunstwerke geschaffen und unendlich viel Chaos produziert. Die kleine Dame hat mit großer Hingabe ein ABC-Buch beschriftet und illustriert – einer der tollen Tipps ihres Lehrers. Seitdem kann sie jeden Buchstaben des Alphabets schreiben, vorher fehlte etwas die Motivation, es zu versuchen. Ich bin ja sehr großer Fan vom X (sieht Bild).

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P für Pineapple

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X für X-Ray von einem Fuß (das L ist ganz klar ein Unteschenkel mit Fuß!)

Wir haben uns auch an Salzteig versucht, aber entweder ist das japanische Mehl ist nicht wirklich geeignet oder ich. Oder beides, jedenfalls ist außer einer riesigen Sauerei nicht viel dabei herausgekommen. Sehr zu empfehlen als Beschäftigung ist allerdings ein Fotoalbum. Die kleine Dame macht sehr gerne Bilder mit ihrem Fotoapparat und hat sich gewünscht, ein eigenes Album zu machen. Dank Konbinis an jeder Ecke (Convenience Stores wie 7-Eleven oder Lawson heißen in Japan kurz Konbini – einfach beide Worte mal laut aussprechen, dann macht es Sinn) war die Beschaffung der Materialien kein Problem. Jedes Konbini hat einen Sofort-Fotodrucker und auch eine Auswahl an Notizbüchern, die sich gut zu einem Album umfunktionieren lassen. Voilà – ein zeitintensives Projekt kann gestartet werden.

Scrapbook meets Fotoalbum

Bewegung im Irrenhaus

Jeden Morgen machen die beiden Aktivitätsjunkies mit großer Hingabe Kinder-Yoga, ansonsten rennen sie auch gerne einfach wie gestört durch die Wohnung und machen aus jedem Möbelstück ein Turngerät. Oder aus mir – tolles mobiles Turngerät, ich. Ganze Welten werden aus LEGO erschaffen, der gesamte Fuhrpark wird in Reih und Glied geparkt, das Hexenkleid von Halloween und das Elsa-Kostüm werden getragen (ersteres bevorzugt vom kleinen Buben) und DVDs werden aus ihren Hüllen befreit (2 Verluste bisher). Ganze Buchreihen werden vorgelesen oder durchgeblättert und eigene Geschichten erzählt. Ich fühle mich wie in einer Art kreativem Irrenhaus. Ich weiß nur nicht so genau, ob ich Pflegepersonal oder Patient bin.

Kinder-Yoga

Die letzten beiden Tage vor den Schließungen habe ich übrigens noch gewinnbringend nutzen können. Ich hatte zwei Kochkurse gebucht und so noch schnell lernen dürfen wie man Ramen (japanische Nudelsuppe), Gyōza (japanische Abwandlung chinesischer Teigtaschen) und Temari-Sushi (zu Bällen gerolltes Sushi) zubereitet. Sehr nützlich, gerade wenn man danach viel zu Hause ist und isst. Die kleine Dame kann inzwischen auch schon hervorragend ihre eigenen Temari-Sushi-Bälle machen, der Bube nimmt sie lieber wieder auseinander und isst die Bestandteile einzeln. Jeder, wie er mag. Itadakimasu (wird an gleicher Stelle wie unser „Guten Appetit“ gesagt, heißt aber so viel wie „Danke für das Essen“).

Zeichensprache

Meinen Intensiv-Sprachkurs musste ich leider verschieben, aber immerhin hat die viele Zeit zu Hause auch mehr Gelegenheit geboten, zu üben und ich kann voller Stolz sagen (man stelle sich an dieser Stelle bitte Tom Hanks in „Cast Away“ vor, wie er nach langer Zeit schweißtreibenden Übens verkünden konnte: „Ich habe Feuer gemaaaaacht!“) – Achtung, jetzt ich – Ich kann Hiraganaaaaaaa!!!
Ich habe das erste japanische Zeichensystem intus und übe seitdem an JEDEM Schild, das mir begegnet. Wenn jemand also eine murmelnde Frau durch Tokio wandeln sieht: Ich lese Hiragana!

Üben, üben, üben

Sakura

Jeder Krisenstimmung zum Trotz hat in Tokio die Sakura-Saison begonnen. Was in Deutschland einer von vielen blühenden Bäumen im Frühling ist, ist in Japan DER blühende Baum. Oder besser unzählige davon. Tausende Kirschbäume aller Art stehen in Parks, an Straßen, entlang der Flüsse oder auf Spielplätzen in voller Blüte. Und selbst in diesem Jahr, in dem die üblichen Festivitäten rund um die Kirschblüte abgesagt werden mussten, spürt man die Magie, die Sakura in Japan hat.

Benni und ich haben einen kleinen Hanami-Spaziergang am Meguro-Fluss gemacht. Man bleibt stehen, um sich die Blüten anzusehen, macht Fotos, trinkt rosa Sakura-Sekt und genießt Hanami. Alleine, dass es ein eigenes Wort für das Betrachten der Kirschblüten gibt, sagt schon alles über den Stellenwert, den Sakura hier hat. Ein schönes Innehalten.

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Passt gut auf euch auf.

Nachholbedarf

So. Ich bin so lange nicht zum Schreiben gekommen, dass ich wohl offiziell sagen kann: ich bin angekommen. Angekommen im ganz normalen Alltag in Tokio. Meine Vormittage sind mit Erkundungstouren, Einkäufen, Hausarbeit, Kursen und ab und zu inzwischen sogar mit Treffen mit einer anderen Mama gefüllt. Nächsten Monat mache ich dann noch einen Intensivsprachkurs 4 Tage die Woche, da wird es morgens noch voller. Meine Nachmittage gehören meinen unerschrockenen Nachwuchsexpats. Wenn dann ab 20.30 Uhr wieder Ruhe einkehrt, schaffe ich meistens noch etwa 10% von den geplanten Tätigkeiten, dann ist Schicht im Schacht. Nicht, dass das in Deutschland anders war. Ganz normaler Alltagswahnsinn in immer gewohnterer Umgebung also.

Was aber hatte besagte Umgebung in den letzten Wochen so zu bieten für uns? Nach einem wirklich schönen Weihnachtsurlaub in Deutschland, sind wir am 31.12. nachmittags wieder in Tokio gelandet. Nach einem Einkauf und dem üblichen Auspack-Wahnsinn wurde noch ausgiebig mit allen Weihnachtsgeschenken aus Deutschland gespielt, die endlich alle aus ihren diversen Taschen und Koffern befreit waren und voll und ganz zur Verfügung standen. Wer jetzt glaubt, es gab dann noch das große Silvesterfeuerwerk wenigstens für die größeren Familienmitglieder – keine Chance. Aus gleich zwei sehr entscheidenden Gründen. Nummer 1: Wir haben tief und fest geschlafen. Nummer 2: In Japan gibt es üblicherweise kein Silvesterfeuerwerk. Es wird im Gegenteil eher ruhig im Kreis der Familie gefeiert und das Neue Jahr wird am nächsten Tag mit dem Besuch eines Schreins begrüßt. Den Teil mit der Ruhe und der Familie haben wir also tadellos japanisch gemeistert. Die letzten freien Tage haben wir den Jetlag von der Leine gelassen und es außer einem Abend zu zweit in Ginza und einem Ausflug nach Odaiba alle zusammen seeeehr langsam angehen lassen. Frohes Neues Jahr der Ratte!

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Die Rainbow-Bridge hat sich hübsch gemacht für unsere Rückkehr

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Kunst von Klaus Haapaniemi in einem von Ginzas Einkaufstentren

Spielerischer Auftakt

Wieder halbwegs in den normalen Wochenablauf gestartet, haben wir uns als erstes neues Ausflugsziel des Jahres das Spielzeugmuseum In Shinjuku ausgesucht. Anders als im Spielzeugmuseum in München, darf hier allerdings nach Herzenslust mit allen Exponaten gespielt werden. Lernspielzeug, traditionelles japanisches Spielzeug, Holzspielzeug, Musikinstrumente, Motorikspielzeug, es gab viel zu entdecken.

Schnitzeljagd durch Tokio

Kommen wir zu einer sehr kreativen Idee der U-Bahngesellschaft Tokyo Metro – Achtung, wir betreten ein wenig Nerd-Land! Wer kennt Escape-Games? Räume, in denen mehrere Spieler versuchen Rätsel zu lösen, Codes und Schlösser zu knacken und mit ganz unterschiedlichen Rahmenhandlungen kleine Geschichten durchzuspielen, die alle am Ende dazu führen sollen, den Raum als Sieger wieder verlassen zu können. Liebt man oder hasst man, schätze ich. Ich finde sie großartig. Ich mag schon die Brettspielvariante für zu Hause, aber die echten Spiele umso mehr. Benni und ich haben uns letztes Jahr schon durch Frankfurts, Dubrovniks und Wiens Escape Rooms gepuzzelt, was das Zeug hält. Da es aber nicht wirklich eine kleinkindtaugliche Freizeitbeschäftigung ist, kommen wir nicht so oft dazu. Hier in Tokio haben wir noch nicht mal danach gesucht bisher.

Nun habe ich aber dank Tokyo Metro einen unterhaltsamen Ersatz gefunden: the Underground Mysteries (jetzt bitte Trommelwirbel vorstellen). Jedes Jahr im Herbst erscheint eine neue Ausgabe des Live-Rätsels. Man kauft sich an einer der Stationen ein Spieleset und erhält ein Täschchen mit Heft, Stift und mehreren Umschlägen oder anderen Gegenständen, die man noch nicht näher untersuchen darf. Dann geht es los: das Heft leitet durch das Spiel, das einen zu verschiedenen Bahn-Stationen der Tokyo Metro führt, welche man vorher jeweils erst errätseln muss. Dann muss man ein oder meist mehrere Rätsel an dem erratenen Ort lösen und weiter geht’s. Es ist also eine Mischung aus Schnitzeljagd und Escape-Game. So bin ich schon durch Kōtō gestreunert, um Bildern auf dem Bürgersteig zu folgen. Oder mysteriösen Handabdrücken in Hibiya auf den Grund gegangen. Zur jeweiligen Station gibt es dann noch Tipps und Informationen zur Umgebung wie zu Museen, Cafés, Restaurants, Parks etc., die es sich lohnt anzusehen. So führt einen das Spiel durch Tokyo und konzentriert sich dabei auf die nicht so bekannten Seiten der Stadt, die man damit auch mal kennen lernt. Unterwegs habe ich schon viele andere Rätsellöser mit dem Heft in der Hand gesehen, es scheint sowohl Tokiotern als auch Touristen gleichermaßen Spaß zu machen.

Leider werde ich das Spiel diese Saison nicht mehr abschließen können, da es Ende Februar beendet wird und inklusive der ganzen Bahnstrecken wirklich Zeit kostet. Nächstes Mal fange ich gleich im Oktober damit an.

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Rätselmaterialien

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Handabdrücken auf der Spur (Denkt noch jemand an Han Solo?!)

Roboterkarneval

Neben Pet-Cafés, psychedelisch bunten Einkaufsstraßen oder Monster-Café ist auch das Robot Restaurant in Shinjuku ein beliebtes Ziel für Touristen und ein weiteres Beispiel für abgedrehtes japanisches Unterhaltungsprogramm. Es war ohnehin mal wieder an der Zeit für ein bisschen Irrsinn, da traf es sich ganz gut, dass Bennis Chef zu einem Teamevent mit Anhang einlud: Besuch des Robot Restaurants mit anschließendem Abendessem in einem Shabu-Shabu Restaurant. Wer sich jetzt fragt, wieso es zwei Restaurants hintereinander sein müssen, dem sei versichert, dass das Robot Restaurant streng genommen weder mit Robotern noch mit einem Restaurant viel gemeinsam hat. Man kann zwar ein paar fragwürdige Chickenteile oder Popcorn ordern und jede Menge zum Großteil ferngesteuerte Maschinen bewundern, das war es aber auch mit dem kulinarischen oder roboterartigen Anteil. Dafür wird eine völlig abgedrehte 90-minütige Show geboten, die mich abwechselnd amüsiert und befremdet hat und insgesamt etwas ratlos zusehen ließ. Auf riesigen fahrbaren Aufbauten tanzen und bekämpfen sich Helden und Unholde in einem großen Spektakel aus Musik, Lasershow und Schauspielkunst. Ein bisschen wie eine Mischungs aus Karnevalsumzug und skurrilem Theater. Helau!

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Danach ging es dann wie geplant noch zum Essen. Shabu-Shabu ähnelt unserem Fondue. Sehr dünn geschnittenes Fleisch und Gemüse wird am Tisch in kochendem Sud gegart und anschließend in Soße gedipt. Sehr lecker und ein schöner Abschluss des Abends.

Raus aus Tokio

Im Februar durften wir auch mit Adrian unseren ersten Gast in Tokio willkommen heißen. Adrian und ich kennen uns schon seit dem Kindergarten (also inzwischen erschreckend lang) und ich habe mich sehr über seinen Besuch gefreut. Vieles habe ich mit ihm noch ein zweites Mal gesehen, aber es bot sich so auch an, Tokio mal hinter uns zu lassen und etwas Neues zu machen.

Kamakura ist nur etwa eine Stunde mit dem Zug entfernt von Tokio und war vom 12. bis 14. Jahrhundert Regierungssitz Japans. Von den vielen vorhandenen Sehenswürdigkeiten haben wir uns vor allem die Tempel Hōkuku-ji und Kōtoku-in ausgesucht. Ersterer ist bekannt für seinen wunderschön angelegten Bambuswald, der Kōtoku-in für seinen Daibutsu, einen riesigen, über 13 Meter hohen bronzenen Buddha aus dem 13. Jahrhundert. Kamakura ist ein willkommener Kontrast zu Tokio und auf jeden Fall einen Besuch wert.

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Bambuswald des Hōkoku-ji

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Daibutsu

Neue Perspektive

Mit Adrian war ich auch noch einmal auf dem Tokyo Tower, der bei gutem Wetter aber immer etwas hermacht, auch wenn er mittlerweile so etwas wie der alte Herr der Aussichtspunkte ist. Was ich noch nicht wusste: man kann ab dem Main Deck auch die Treppe nach oben nehmen. Oder man macht es wie wir und nimmt sie einfach auf dem Rückweg nach unten und hat während des Abstiegs diesen Teil des Turms ganz für sich alleine.

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Sammlerstücke

Schon letztes Jahr hatte ich von Nagomi Visit gehört, einer Organsiation, die Japaner und Ausländer buchstäblich an einen Tisch bringt. An den Tisch der japanischen Gastgeber um genau zu sein. Beide Seiten können sich registrieren, um für die jeweilige Gegend ein passendes Treffen entweder zum Mittag- oder Abendessen zu vereinbaren. Dann trifft man sich an der nächstgelegenen U-Bahnstation und wird von den Gastgebern in ihre Wohnung begleitet, wo ein hausgemachtes Essen und kultureller Austausch warten. Ich fand die Idee sehr schön und hatte es schon auf meiner To-Do-Liste, als Adrian auch vorschlug, Nagomi Visit auszuprobieren.

So vereinbarten wir ein Treffen mit einem Pärchen aus dem Stadtteil Ōsaki und wurden sehr herzlich empfangen und bekocht. Izumi und ihr Mann, dessen Name mir schändlicherweise entfallen ist, waren bestens vorbereitet, schließlich waren wir schon die 41. Besucherrunde, die sie zu Gast hatten. So war der Selfie-Stick für das Gruppenfoto schon fertig in Position installiert, die Menükarten vorbereitet und das Gästealbum bereit gelegt. Ein bisschen wurden wir das Gefühl nicht los, wie lebendige Trophäen in das Sammelalbum der ausländischen Gäste eingefügt zu werden, aber alles auf eine sehr liebenswerte Art. Man ist ja auch nicht alle Tag ein Exot.

Izumis Mann hatte sich vorab extra die Mühe gemacht, unsere Namen auf Kanji zu übersetzen und Visitenkarten mit den einzelnen Bedeutungen vorbereitet. Die Übersetzung in Kanji ist streng genommen rückwärts, da jedes Kanji in der Regel eine eigene Bedeutung hat und dementsprechend Worte und Sätze gebildet werden. Da unsere Namen keine Bedeutung haben, bzw. diese für einen Japaner nicht ohne weiteres auszumachen sind, hat unser Gastgeber die Kanji nach ihren Lauten zusammengesetzt, so wie man es in Hiragana und Katakana tun würde. Simone setzt sich nach dieser Methode aus den Kanji für Baum, Knospe und Geräusch zusammen. Gestatten: Baumknospengeräusch.

Unsere schicken neuen Namen hat er dann noch genutzt, um uns Shodō, also die Kunst der Kalligrafie, vorzuführen. Danach durften wir uns auch selbst mit dem Pinsel versuchen. Sehr interessant und eine schöne Idee, um uns japanische Traditionen näher zu bringen. Satt, zufrieden und reich beschenkt mit unseren Visitenkarten, einem Tengui (japanisches Tuch, das als Geschenkverpackung, Geschirrtuch, Tischläufer oder ähnliches verwendet werden kann), einer Brosche und unserer Shodō-Kunst wurden wir schließlich verabschiedet.

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Shodō

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Mein Versuch

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Reich beschenkt

Ein paar Worte zu COVID-19

Neben allen schönen und alltäglichen Dingen, die uns hier begegnen, betrifft uns natürlich, wie den Rest der Welt auch, das Coronavirus. Aktuell gibt es 870 gemeldete Fälle einer Erkrankung in Japan, 709 davon stehen in Zusammenhang mit den Erkrankungsfällen auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess. Letzteres darf man nicht außer Acht lassen, um die Beunruhigung vorerst nicht zu groß werden zu lassen.
Japans Gesundheitsministerium reagiert aktuell mit folgenden Verhaltensempfehlungen:

  • mit Erkältungsanzeichen zu Hause bleiben und Besuche in Krankenhäusern unterlassen
  • große Menschenmassen vermeiden
  • häufiges und gründliches Händewaschen
  • beim Niesen Mund und Nase bedecken

Zusätzlich empfiehlt die Regierung allen Arbeitgebern, ihren Mitarbeitern Homeoffice zu ermöglichen, gestaffelte Arbeitszeiten zu erlauben, um die Rush-Hour in Zügen zu vermeiden, und sicherzustellen, dass Mitarbeiter mit Erkältungssymptomen Krankheitstage nehmen können.

Masken und Handdesinfektionsmittel sind ausverkauft, was zum Teil zu kreativen DIY-Lösungen aus selbstgenähten oder zusammengetackerten Papiertüchern/Kaffeefiltern etc. führt. Was ihre Masken angeht, werden Japaner wohl an einem wunden Punkt getroffen, wenn es hierbei zu Lieferengpässen kommt. Experten weisen jedoch immer wieder darauf hin, dass eine gründliche Handhygiene sehr viel effektiver ist, als das Tragen von Gesichtsmasken. Masken helfen allerdings, sich gerade unterwegs nicht ins Gesicht zu fassen und damit Krankheitserreger zu verteilen. Solange wir noch Masken im Haus haben, benutze ich sie daher für Fahrten mit der Bahn, achte aber vor allen Dingen bei uns allen auf häufiges Händewaschen.

Abgesehen davon verfolgen wir aufmerksam die Berichterstattung und versuchen, uns nicht unnötig zu beunruhigen.

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Jede Menge Lichter

Jetzt leben wir seit fünf Monaten in Tokio und haben die wichtigsten Schritte in einen funktionierenden Alltag gemeistert. Was wir aber noch nicht geschafft hatten, war abends zu zweit auszugehen. Die Einladung zum bōnenkai des Kindergartens war dann ein willkommener Grund, das zu ändern. Bōnenkai ist eine japanische Jahresabschlussparty, zu der gerne viel getrunken wird. Im Prinzip die Entsprechung unserer Weihnachtsfeier im Kollegenkreis. Nachdem die Kinder sich im Kindergarten gut eingefunden haben und englischsprachige Betreuung inzwischen gewöhnt sind, haben wir es vor dem bōnenkai auf einen Babysitting-Testlauf ankommen lassen. Aoki-san, eine muntere ältere Dame, die bereits in den USA und in Kanada gelebt hat und damit perfektes Englisch spricht, hat sich hervorragend um Bube und Dame gekümmert und beide entspannt ins Bett gebracht, während wir die Zeit genutzt haben, um uns eine brandneue Attraktion in Shibuya anzusehen.

Shibuya Sky

Auf dem Dach des erst Anfang November eröffneten neuen Hochhauses Scramble Square kann man auf 230m die Aussicht auf einer Plattform unter freiem Himmel genießen. Wie Ameisen sehen die Menschen auf der berühmten Shibuya-Crossing von da oben aus und gerade im Dunkeln ist es ein wirklich schöner Blick auf die Lichter der Stadt.

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Shibuya Crossing

Shibuya Crossing

Da Bube und Dame das Babysitting mit Bravour mitgemacht hatten, konnten wir dann auch ein paar Tage später unser bōnenkai genießen. Feine Sache.

Sonntag war uns erst am Nachmittag nach Unternehmung und da wir die Woche vorher das Gasmuseum gerade noch so anschnuppern konnten, bevor es auch schon wieder zu machte (das wird nochmal wiederholt, ähnlich wie schon das Wassermuseum ist es nämlich toll gemacht), haben wir uns diese Woche für den lang geöffneten Maxell Aqua Park in Shinagawa entschieden. Mitten in einem Hochhaus untergebracht, gibt es jede Menge Meerestiere zu besuchen, die besonders der Bube ganz fantastisch fand. „Blubb, blubb!“ rief er schon auf dem Hinweg in Endlosschleifen und drückte sich an jeder Glasscheibe die Nase platt. Nach Karussellfahrt und Delfinshow war er dann endgültig beeindruckt und die kleine Luke ging kaum wieder zu.

 

Kurisumasu (クリスマス)

Da wäre dann noch das Thema Weihnachtszeit. Trotz aller Hektik und Termine und der Tausend Dinge, die gefühlt exakt vier Wochen vor Weihnachten auf einmal da sind und unbedingt noch im alten Jahr erledigt werden wollen, liebe ich die Weihnachtszeit. Weihnachtsmärkte, Plätzchen backen, Deko im Haus verteilen, Geschenke besorgen, Weihnachtsmusik, Lebkuchen, Glühwein, einfach alles schön! Mir egal, wie kitschig das ist, alles schön, Punkt.

So. Jetzt bin ich also in einem Land gelandet, in dem das Christentum eine eher untergeordnete Rolle spielt – auch wenn der Pabst gerade hier vorbei geschaut hat – und die meisten Menschen, wenn religiös, dann im Shintō oder im Buddhismus zuhause sind. Wie also ist das wohl mit Weihnachten in Japan? Naja, es wird gefeiert. Auch hier. Auch ohne Christentum, aber wenn wir mal ehrlich sind, ist die Religion auch in Deutschland nicht immer der Star des Festes. Aber Japan wäre nicht Japan, wenn es nicht seine eigene Interpretation eines Weihnachtsfestes hervorgebracht hätte. Ist hier Neujahr das eigentliche Familienfest, gibt es an Weihnachten zwar auch eine Santa-Clause-Version für die Kinder, aber vor allen Dingen ist es ein Abend für Paare. Also eher so eine Art Date Night mit Weihnachtsbeleuchtung. Und letzteres wird visuell gewohnt bombastisch umgesetzt. Ganze Straßenzüge sind jetzt in aufwendige Lichtinstallationen verpackt und fügen dem ohnehin schon bunt und hell erleuchteten Tokio noch mehr Lichterglanz hinzu. Leider sehe ich vergleichsweise wenig der Beleuchtung, da ich abends eher selten unterwegs bin, aber das, was ich bisher gesehen habe, ist wirklich schön.

Das war es dann aber, das mir hier ein bisschen Weihnachtsstimmung macht. Weihnachtsmärkte werden hier auch gerne mal probiert (meist als Bestandteil einer Shoppingmall), aber es bleibt wie auch das Oktoberfest bei einem Versuch. Also hören wir zu Hause Weihnachtslieder rauf und runter und haben uns eine Weihnachtsbaum-Winzling und eine Lichterkette gegönnt. Und die Kinder freuen sich jeden Tag über ihren Adventskalender. So verbringen wir exakt die Hälfte der Adventszeit in japanisch-deutschem Weihnachtsspagat, dann geht es nach Deutschland in die echte Weihnachtszeit mit Freunden und Familie.

Kawaii!!!

Wir fangen heute mal mit einer kleinen Begriffsdefinition an.

kawaii oder かわいい

‚Kawaii’ ist genau genommen so viel mehr als nur ein Begriff, es ist allgegenwärtig und fester Teil des japanischen Lebens.

Was also bedeutet ‚kawaii‘? Ich bin schon recht früh auf das Wort gestoßen und meine auch, es früher schonmal gehört zu haben, aber Bedeutung und vor allem Ausmaß sind mir erst hier klar geworden. ‚Kawaii‘ bedeutet zunächst mal ‚niedlich‘, ‚süß‘ oder ‚kindlich‘. Man hört es auf der Straße gerne mal, wenn eine Japanerin oder ein Japaner einen von diesen Mini-Fellbällen sieht, die sie hier Hunde nennen. Oder ein (scheinbar) niedliches Geschirr-Set. Oder meine Kinder, die ja hier hohen Seltenheitswert haben mit ihren blonden Haaren und eine kleine Attraktion sind, weil sie auch noch im Doppelpack auftreten. Ein sehr hoch gesprochenes „Kawaaaaaaiiii“ zusammen mit dem Ausdruck der puren Verzückung begegnet uns also schon seit wir hier sind immer mal wieder. Doch die Bedeutung von ‚kawaii‘ geht weit über ein bloßes Adjektiv hinaus. Wikipedia sagt dazu: „Mittlerweile steht er [der Ausdruck ‚kawaii‘] für ein ästhetisches Konzept, das Unschuld und Kindlichkeit betont und sich auf alle Bereiche der japanischen Gesellschaft ausgedehnt hat.“

Und mit allen Bereichen sind auch sehr offizielle oder administrative Bereiche gemeint. Als wir gerade erst angekommen waren und die ersten Ämtergänge hinter uns hatten, kam ein Schreiben, das komplett in Kanji geschrieben war, das ich also ohne Übersetzung nicht zuordnen konnte. Auf dem ganzen mehrseitigen Dokument waren niedliche Comic-Häschen zu finden. Ich hielt es erstmal für nicht weiter wichtig, weil – hallo?!? – HÄSCHEN? Es waren unsere Sozialversicherungsdaten und damit die hier wichtigsten personenbezogenen Nummern für unseren Aufenthalt.

Niedliche Figuren und Maskottchen sind hier sehr beliebt, nicht nur in Vereinen oder im Sport sondern eben auch in Verwaltung oder bei offiziellen Einrichtungen. Pipo-kun zum Beispiel, ein oranges mausähnliches Kerlchen (und ein Kerlchen muss er sein, denn -kun ist die Nachsilbe für Jungen), ist das offizielle Maskottchen der Tokyo Metropolitan Police. Straßenabsperrungen sind hier gerne mal Häschen, Frösche oder andere Tierchen. Erwachsene Japaner sitzen mit ihren Trinkpäckchen in der Bahn, an Designerhandtaschen baumeln Stofftierchen und Japanerinnen folgen in großen Teilen einem Schönheitsideal, das sie möglichst unschuldig und süß aussehen lässt. ‚Kawaii‘, wohin man schaut. 

Wenn man hier lebt, ist man täglich von ‚kawaii‘ umgeben, aber diese Woche, habe ich es mal richtig krachen lassen und explizit Jagd auf die Niedlichkeit gemacht. Kindisch sein kann ich auch. Willkommen in meiner bonbonbunten, verrückten, zuckersüßen Woche!

Das Monster Harajuku

Harajuku – ein hippes Streetart-Viertel Tokyos – ist so oder so jeden Ausflug wert. Ausgefallene Mode, entspanntes Publikum, schöne Cafés und eine Menge großer und kleiner Läden machen die Gegend interessant und farbenfroh. Der Designer Sebastian Masuda nennt Harajuku ein Monster, das alles verschlingt und ständig wächst und hat ihm mit dem „Kawaii Monster Café“ ein Denkmal gesetzt. ‚Kawaii‘, eh?

Ich war ja auf einiges gefasst, nachdem ich mir vorher schon Bilder angesehen hatte, aber live war es dann nochmal eine Schippe mehr auf der Regenbogenskala. Mein lieber Freund, war das BUNT. Begrüßt wird man von einer der fünf Harajuku-Girls, Mädels in schönstem Cosplay-artigen Kostüm: Baby, Dolly, Candy, Nasty und Crazy. Wir wurden von Nasty in Empfang genommen, ich konnte mir ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen. Hätte ich mir eine aussuchen dürfen, es wäre wohl Nasty geworden. Immer hinter Nastys ausladendem Rock her ging es zu unserem Platz. Von hier aus konnten wir auch die kleine Show anschauen, die die Harajuku-Girls regelmäßig auf dem Karussell in der Mitte des Cafés aufführen. Bube und Dame stand der Mund offen bei so viel Farbe und Musik. Mir auch. Nachdem wir bunte Spaghetti, einen lila Burger und Pommes mit bunten Soßen verdrückt hatten und uns alles angeschaut haben, war es dann auch wieder Zeit für eine Farbdiät und eine weniger reizüberflutende Umgebung für die völlig überdrehten Kinder. Nicht zu viel auf einmal.

Cheeeeese

Den nächsten ‚kawaii‘-Ausflug hatte ich für mich alleine reserviert. Ich wollte meine Aufmerksamkeit für die bunte Welt der Takeshita-dori, einer schrillen Einkaufsstraße ebenfalls in Harajuku, nicht zwischen Bube, Dame und den unzähligen Details der Umgebung teilen müssen. Außerdem ist die Takeshita ein sehr beliebtes Ziel für Einheimische und Touristen und unter der Woche vormittags noch einigermaßen entspannt. Ein paar Stationen hatte ich mir vorher vorgenommen, ein paar kamen spontan dazu.

Purikura zählte definitiv zu den geplanten Attraktionen. Wer erinnert sich noch dunkel an die Zeit vor Smartphones und Snapchat, als zu unseren ultimativen Teenie-Freundschaftsbeschäftigungen der Besuch eines Passbildautomaten zählte? Zu zweit, zu dritt oder bis an die Schmerzgrenze quetschten wir uns in die kleinen Kabinen und schmissen uns in Pose, was das Zeug hält. Purikura ist genau DAS, nur besser. In zahlreichen unterschiedlichen Automaten können hier gänzlich passuntaugliche selbstklebende Bilder geschossen und im Anschluss mit Filter- und Verzierungsfunktionen bearbeitet werden. Großartig!

Die Takeshita-Straße ist schon ein besonderes Sammelsurium an Süßem und Süßigkeiten. Glitzerstifte, Lipgloss in Disneyfigurenform, Mützen mit Ohren, Onesies in allen Farben und Tierformen oder Plüschtiere sind nur einige Beispiele. Kulinarisch kann man sich durch eine große Auswahl an Lollies, Zuckerwatte, Crêpes und schlichtweg undefinierbaren bunten Kreationen probieren.

Zu den spontanen Programmpunkten zählten zwei Pet-Cafés. Das Mini-Pig-Café musste sein, weil ich diese Miniatur-Schweine mal aus der Nähe sehen wollte. Witzige tiefenentspannte Viecher. Aber noch mehr musste der Owl-Forest sein. Von den Haltungsbedingungen bin ich hier leider gar nicht überzeugt, aber diese wunderschönen Tiere mal ganz nah zu erleben und sogar vorsichtig streicheln zu können, war wirklich faszinierend. Und verdammt sind die flauschig!!

 

Kaffeekunst

Völlig übersättigt an Eindrücken, aber ansonsten eher hungrig, weil ich die bunten Verpflegungsangebote ausgelassen hatte, habe ich mich noch im Reissue, einem „echten“ Café, niedergelassen, das schon vorher auf meiner Liste stand wegen seiner Latte Art. Ich wusste nicht einmal, dass es so etwas gibt, aber ich war neugierig. Man hat die Wahl zwischen 2D- oder 3D-Art auf seinem Kaffeemilchschaum. Entweder kommt einem aus dem Schaumberg quasi ein niedliches Tierchen entgegen und schaut einen aus der Tasse an oder man kann sich ein Bild wünschen. Ergebnis: sehr guter Kaffee mit beeindruckendem Mini-Kunstwerk und ein leckeres Curry.

Nicht mehr wirklich ‚kawaii‘, aber schön und auch in Harajuku, habe ich mir noch das Wandbild von Zio Ziegler angesehen. Insgesamt also ein rundum gelungener Ausflug in die besonders bunte Seite von Tokyo mit einem Abschluss in Schwarz-Weiß zum Runterkommen.

 

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Kitsch und Kultur

Diese Woche war ich in Souvenirlaune und habe mir allerhand Kitsch und Touristenkrams angeschaut. Erstens bin ich dabei die Adventskalender für die Kinder vorzubereiten und die werden dieses Jahr japanisch-kitschig. Zweitens fliegen wir bald nach Hause und da werden Freunde und Familie nicht ganz verschont bleiben, was schöne und schräge Mitbringsel angeht. Und drittens gibt es einfach so viele kleine und große Absurditäten und Schätze zu entdecken, dass das einfach ab und an mal sein muss.

Falsche Straße

Ich hatte von der Nakamise-dori in Asakusa gelesen. Eine Einkaufsstraße, die zwischen dem Kaminari-mon, dem so genannten Donnertor, bis zum Sensō-ji-Schrein verläuft und mit den angrenzenden Straßen als eines der ältesten Geschäfts- und Unterhaltungsviertel Japans gilt.

Kamari-mon

Kamari-mon, das Donnertor

Nakamise-dori

Tief einatmen und durch

Sensō-ji

Sensō-ji, Tokios ältester Tempel

Ich wollte touristisch, ich bekam Touristen. In Massen. Und jede Menge Stände mit überwiegend echt hässlichen Souvenirs und einer Menge an kulinarischen Mitbringseln. Mein Jagdfieber nach Souvenirs war auf den ersten Metern schon abgeklungen und ich kämpfte mich nur noch der Vollständigkeit halber und um des Schreins Willen bis zum Ende der Nakamise durch.

Praktischerweise liegt in unmittelbarer Nähe die Kappabashi-Straße, die mir ja einige Zeit zuvor sehr gut gefallen hatte. Ich brauchte ohnehin noch ein paar Kleinigkeiten aus der Küchenstadt, also passte das zur Versöhnung dann ganz gut.

Richtige Straße

Ein sehr viel besseres Ziel, obwohl es nicht, wie in Asakusa, eine echte Geschichte vorzuweisen hat, ist der Shoutengai in den Tokyo Decks auf Odaiba. Diese künstliche Einkaufsstraße soll eine Hommage an das Tokio der 60er Jahre sein und beherbergt entsprechend viel Retrokrams. Alte Spiele und Spielautomaten können ausprobiert werden, es gibt Aufführungen wie Papiertheater, man kann ein Geisterhaus besichtigen (Ja nee, ist klar!) oder sich durch die Souvenirläden wühlen. Und hier gibt es auch die Art Kitsch, die ich entweder so schräg finde, dass sie schon wieder gut ist, oder die einfach gleich voll meinen Geschmack trifft.

Shoutengai

Eingang ins Retro-Kitsch-Land Shoutengai

Socken

OH DOCH!

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Maneki-Neko in Miniatur mit Glöckchen

Roll-Ele

Bube und Dame lieben ihn hier!

Vollen Durchblick

Eine vernünftige Sache stand auch noch auf meiner To-Do-Liste: Ich brauchte eine neue Zweitbrille. Der Bube hatte meine Brille etwas zu oft in die Finger bekommen und ich hatte Angst, dass sie es nicht mehr lange macht. Und da ich ja inzwischen ohne Brille zunehmend aufgeschmissen bin, wenn ich etwas lesen will oder muss, machte mich der Gedanke etwas unruhig, zum Glück kaufen die Japaner gerne mal eine neue Brille und nicht das eine Gestell für‘s halbe Leben. So gibt es dann auch genug Geschäfte, die wirklich günstige Angebote haben. Zum Beispiel JINS. Womit sie mich dann restlos begeistert haben: ich konnte mein Gestell aussuchen, die Stärke mitteilen, den Augenabstand messen lassen und einen Matcha-Latte trinken gehen. Dann war die neue Brille fertig und abholbereit. Nix mit, wir melden uns, wenn sie fertig ist. Geht natürlich nur mit Standardgläsern, aber die habe ich praktischerweise. Eine Dreiviertelstunde und umgerechnet etwa 65€ (!) später, hatte ich meine neue Brille.

Brille

So schnell kann‘s gehen

Aber so richtig war es das noch nicht in Sachen farbenfrohe Unnötigkeiten. Es war ja nun Halloween letzte Woche und auch in Japan entkommt man dem gruseligen Spuk nicht mehr, wenn man Kinder hat. Die Halloween-Parade der Schule mit Trick-or-Treat-Ausflug im Spielpark rief. Allerdings rief sie zu Bubes Mittagsschlafzeit, so dass Benni für diese Zeit Homeoffice machte, während ich mit der kleinen Dame – ihreszeichens eine kleine Hexe – zur Schule radelte. Nach einer kleinen Country-Dancing-Aufführung im Klassenraum (urkomisch, wie da Hexen mit Pokémons oder Prinzessinnen mit Doraemons tanzten), ging es raus in den Park, wo die Treats eingesammelt werden konnten. Die kleine Dame und ich genossen ein bisschen entspannte Zweisamkeit, da ist auch Halloween recht.

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Die Parade – im Hintergrund der Gegensatz aus kleinen Wohnvierteln zwischen den großen Hochhäusern der Roppongi Hills

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Trick or Treat!

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Treat!

Den Sonntag hatten wir trotz schönsten Wetters irgendwie zu Hause verbummelt, so dass uns dann irgendwann nachmittags die Decke auf den Kopf und die Kinder auf die Nerven fielen. Also raus. Draußen wurde es schon langsam dunkel und leider machen viele Einrichtungen schon um 17.00 Uhr zu, aber es war mal wieder ein Feiertag. Tag der Kultur – wie passend zu unserer Suche nach Zerstreuung. Und an Feiertagen haben dann wiederum viele Museen etc. länger auf. So auch das Miraikan, das National Museum of Emerging Science and Innovation.

In einem futuristisch wirkenden Gebäude warten die neusten Technologien und zukunftsweisende Erkenntnisse. Für Bube und Dame noch etwas zu hoch, aber trotzdem auf ganz eigene Art und Weise interessant, wetzten wir also von einem kleinkindinteressanten Punkt zum nächsten, konnten aber im Vorbeigehen ein paar Sachen erspähen. So zum Beispiel eine große Kugelbahnanlage, die Auswirkungen von Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Tsunamis simulierte. Oder die begehbare Wohneinheit einer Raumstation, inklusive Toilette (mit Haltegriffen, Sauger für – naja – das Geschäft und Gummihandschuhen). Sehr beeindruckend und hübsch anzusehen ist vor allem die große Kugel, auf die effektvoll die sich drehende Erde projiziert wird.

Globe

Einmal um die Erde herum und unten drunter durch

Achja, und da der Feiertag auf einen Sonntag fiel, kam wieder meine sehr lieb gewonnene japanische Handhabung zum Tragen: Montag war ersatzfrei. Japan hat mir also einen Feiertag zum Geburtstag geschenkt.

どうもありがとうございます

Vielen Dank

 

 

Wasser wieder anders

Kaiser Naruhito hat in einer feierlichen Zeremonie den Thron bestiegen und nach der offiziellen Ablöse seines Vaters im Mai nun auch die traditionellen Schritte vollzogen, die sein Amt mit sich bringt. Für uns hieß das in erster Linie Zeit zu viert, denn die Thronbesteigung ist ein nationaler Feiertag. Dem Wetter war wohl nicht so zum Feiern zumute, jedenfalls gab es eine Menge Wasser von oben. Dementsprechend fielen für uns ausschweifende Outdoor-Aktivitäten flach, auf lange Fahrerei hatten wir keine Lust, also musste etwas Überdachtes in der Nähe aufgetrieben werden. Tokio wäre nicht Tokio, wenn diese Anforderungen nicht leicht zu erfüllen wären, in diesem Fall mit dem Tokyo Water and Science Museum in Kōtō.

Tokyo Water Science Museum

Wasser marsch!

Die städtischen Wasserwerke betreiben das kostenfreie Water Museum über einer lokalen Pumpstation, die ebenfalls besichtigt werden kann. Auf drei Stockwerken zeigt die Ausstellung, wo das Wasser herkommt, wie es in die Städte gelangt und welche Verwendung es dort findet.

Wir waren erst eine Stunde vor Ende der Öffnungszeiten da, hatten dafür aber das Museum fast für uns. So konnte der Bube im Film über den Wasserkreislauf, der an drei Wände und die Decke projiziert wurde, nach Herzenslust Wassertropfen hinterherrennen oder laut seine Begeisterung kund tun. Die kleine Dame war besonders beeindruckt von der Seifenstation. Hier konnte man sich auf eine Plattform stellen und mit einer Kette einen mit seifengetränktem Stoff umwickelten Ring um einen herum nach oben ziehen und so ganze Seifenwände errichten. Wir standen also quasi in einer großen Seifenblase. Auch das große Wasserbecken mit Wasserpistolen, unter dem die Kinder durchkrabbeln konnten, um in der Mitte in Glaskuppeln wieder aufzutauchen, sorgte für viel Freude.

Über das Wasser – ins Wasser

Das Wasser-Museum sollte nicht die letzte Ausstellung der Woche bleiben. Wer meinen Beitrag Von Insel zu Insel gelesen hat, der weiß schon, dass mich die digitalen, bildgewaltigen Welten des teamLab restlos begeistert haben. Im Gegensatz zu der dauerhaften Borderless-Ausstellung, die wir im August besucht haben, gibt es noch eine etwas kleinere, temporäre Version, die teamLab Planets. Mit Kindern und ein bisschen Abenteuerlust, ist die Planets nochmal besser als ihre große Schwester.

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Gleich am Eingang wird man gebeten, die Schuhe auszuziehen, seine Sachen in einen Spind zu schließen und seine Kinder an die Hand zu nehmen, bevor man sich auf den Weg in einen langen dunklen Tunnel macht. Der Sinn dieser Anweisungen erklärt sich schnell von selbst: Wasser. Wie nach einem sehr sauberen, wohltemperierten Wasserrohrbruch, ist ein Teil des Ganges knöcheltief mit Wasser gefüllt, so dass man auch den dann folgenden Aufstieg stetig im Wasser meistern muss. Im Anschluss wird man japanisch-höflich mit Handtüchern begrüßt und weiter geht‘s: in einen Raum, der komplett aus einem Kissen als Boden besteht. Ähnlich wie diese übergroßen Sitzkissen, die mit kleinen Kügelchen gefüllt sind, besteht einfach der ganze Untergrund dieses Raumes aus einem solchen Kissen, in das dann auch noch Hügel und Vertiefungen eingebracht wurden. Ich kann nicht behaupten, dass ich besonders grazil ans andere Ende gekommen bin, aber zum Glück war es hier so dunkel, dass fotografieren eh keinen Sinn machte. Ich habe mehrere Techniken ausprobiert und dachte an einer Stelle sogar, ich könnte mich einfach durchrollen. Was soll ich sagen? Konnte ich nicht. Ich habe mich genau einmal vom Bauch auf den Rücken gerollt, dann lag ich da und musste mich mühsam wieder aus der weichen Vertiefung wühlen. Bube und Dame sind weit leichtfüßiger über das Hindernis gekommen. Aber Spaß hatten wir alle.

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Bube zögert noch

Typisch teamLab folgte dann wieder was für‘s Auge. In einem riesigen Raum mit verspiegeltem Boden hingen Tausende von glitzernden Lichterschnüren, die kontinuierlich die Farben wechselten. Atemberaubend. Ehrlich wahr, einfach nur schön.

Im nächsten Abschnitt wurde ich gebeten, die kleine Dame auf den Arm zu nehmen. Sie ist 4! Kennt sich jemand mit dem Stolz und dem Altersbewusstsein einer Vierjährigen aus? Jepp. Ein entsprechend indignierter Blick traf mich auch, als ich sie brav hochnahm und ihr zuflüsterte, dass ich sie wieder runterlassen würde, wenn keiner guckt. Der Bube parkte, seit ihm die Spiegel auf dem Boden doch etwas zu unheimlich wurden, eh auf Bennis Arm. Wieder Wasser im Gang, immer mehr Wasser. Dann ein ganzer Raum kniehoch mit milchigem Wasser gefüllt, auf das Lichter und Fische projiziert wurden, die um uns herum schwammen. Nicht nur die kleine Dame wollte SOFORT runter, auch der Bube war jetzt nicht mehr zu bremsen. Keine Ahnung, wie das andere Eltern machen, unsere Kinder blieben auf gar keinen Fall auf dem Arm. Hätte ich auch nicht gemacht. Wir hatten also alle Hände voll zu tun, jeweils wenigstens einen Teil Kind an der Hand zu behalten. Die Klamotten waren verloren, aber Wechselklamotten sind immer am Start und warteten im Spind, bin ja schon eine Weile Mutter und einigermaßen lernfähig. Wer mal versuchen will, ein Kind festzuhalten, dass einen digitalen Fisch durch einen halbdunklen Raum voller Wasser jagt: teamLab Planets. Hat geklappt, hat Spaß gemacht, hält man aber nicht ewig durch.

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Auf Fischfang

Der nächste Raum war gefüllt mit riesigen Ballons, die erneut die Farben wechselten. Die kannten wir zwar schon aus der Borderless-Ausstellung, dort durfte man sie allerdings nicht anfassen. Hier konnten die Kinder sie durch die Gegend schieben und schubsen, was sie sich natürlich nicht entgehen ließen. Dem Buben schienen hier die Spiegel am Boden auch plötzlich nichts mehr auszumachen. Im letzten Raum konnten wir uns auf den Boden legen und die bunte Blumenprojektion auf allen Wänden, Decke und Boden um uns herum bestaunen. Wie betrunken torkelten wir anschließend zum Ausgang. Der erste, der uns besuchen kommt, wird hier reingeschleppt und vermutlich alle nach ihm auch.

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Katzen versus Cosplayer

Am Sonntag waren wir mal wieder in Ikebukuro, dem Viertel, in dem wir schon einmal waren, als wir den Sky Circus besucht haben. Damals war allerdings nicht Halloween-Woche… Ikebukuro ist bekannt für seine Cos-Player-Szene und bietet auch schon im Normalbetrieb die ein oder andere bunte Gestalt, aber im Moment kann man sich kaum retten vor kostümierten Massen. Nach der märchenhaften teamLab-Welt, war das dann eher alptraumartig überfüllt und anstrengend. So beschränkten wir uns auch auf die Programmpunkte, die wir vorher mal so lose angerissen hatten und retteten uns ins Nekobukuro, ein Katzencafé. Benni und ich waren ja schon vor ein paar Wochen im Mocha in Harajuku. Dort sind allerdings keine Kinder im Alter von Bube und Dame zugelassen. Im Nekobukuro schon, soweit man aufpasst, dass sie die Katzen nicht ärgern. Die Kinder waren froh, Cosplayer gegen Katzen eintauschen zu können. Wir auch.

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Ansonsten habe ich diese Woche zum ersten Mal wirklich ein Auto vermisst. Ich fahre ja sehr gerne Auto, aber fehlen tut es mir im Alltag hier nicht. Alle Wege lassen sich sehr gut zu Fuß, mit der Bahn oder dem Rad zurücklegen. Außer es regnet in Strömen. Bis zwei Kinder und ich selbst wetterfest verpackt und in die Regenabdeckungen auf dem Fahrrad gebastelt sind – die gibt es natürlich nur für Bube und Dame – vergeht eine Menge Zeit und nachmittags in Regenklamotten gewickelt mit Schirm dazu am Straßenrand zu stehen und auf den Kindergartenbus zu warten, ist auch nur so semi-gut. Reine Luxusprobleme, aber ja, in solchen Momenten fehlt mir mein Landleben mit Auto.

Regen-Ich

Singing in the rain. Nicht.