Hagibis

Taifun #19 hat es – anders als Faxai letzten Monat – prominent in die internationalen Medien geschafft. Schon während der vergangenen Woche wurde er zu einem Super-Taifun hochklassifiziert, entsprechend dringlich waren die vielen Warnmeldungen und Notfallpläne, die uns über viele Kanäle erreichten. Hagibis hatte direkten Kurs auf Tokio aufgenommen, so dass klar war, dass wir ab Samstagmorgen im Haus bleiben mussten und uns mit Essen und Wasser eindecken sollten. Da wir in einem relativ neuen Hochhaus wohnen und nicht in einem Einfamilienhaus aus Holz, mussten wir glücklicherweise nicht, wie viele andere, vorsorglich in eine Notunterkunft umziehen. Zudem wussten wir, dass Japan und besonders Tokio sehr gut auf extreme Wetterlagen vorbereitet ist. Die Notfallmaßnahmen werden routiniert verbreitet und verfolgt, ein gigantisches unterirdisches Tunnel- und Auffangsystem reduziert Gefahren durch Überschwemmungen und die Disziplin der Japaner sorgt für geordnete Vorbereitungen.

Dennoch, als Neulinge in Sachen Extremwetterbedingungen und mit zwei kleinen Kindern, die man 100%-in in Sicherheit wissen will, wird einem schon etwas mulmig, wenn sich die Supermarktregale immer weiter leeren und die Warnungen nicht abreißen. So habe ich mich Freitag mit Bube und Dame auch auf den Weg gemacht und unsere Essens- und Windelvorräte eingekauft. Benni hat die Wasserversorgung übernommen, so dass wir Samstag nicht mehr vor die Tür mussten. Draußen wurde es schon morgens immer ungemütlicher, der Regen hörte nicht mehr auf.

Die Kinder waren ganz angetan von der Taifun-Party zu Hause und räumten jedes Puzzle und Spiel ins Wohnzimmer, um den Tag fröhlich im Haus zu verbringen. Wir legten Taschenlampe und Batterien, Kerzen und Feuerzeug bereit und packten einen Notfallrucksack zur Sicherheit. Unsere Trinkwasservorräte ergänzten wir durch eine gefüllte Badewanne, falls die Wasserversorgung tatsächlich unterbrochen werden sollte. Alle Lüftungsdeckel in der Wohnung schlossen wir sobald der Wind deutlich zunahm und das in Hochhäusern übliche 24-Stunden-Frischluftsystem schalteten wir ab.

Warten auf #19

Danach hieß es nur noch abwarten und uns und andere möglichst nicht verrückt machen. Draußen war die sonst so übervolle Stadt menschenleer, ein sehr ungewohnter Anblick. Aus den anderen Präfekturen kamen teilweise  Meldungen von Überflutungen und Evakuierungen, bei uns blieb es bis auf starken Regen und zunehmenden Wind unauffällig. Einmal kam eine Plastiktüte im 37. Stock vorbei geflogen, das war zum Glück alles, so dass wir die Kinder etwas später als sonst, aber sonst ohne Zwischenfälle ins Bett bringen konnten. Gegen 22:30 war Hagibis über Tokio hinweg gezogen und hinterließ ein ruhiges Shibaura um uns herum.

Post Hagibis

Tokio kommt zur Ruhe

Wie auch nach Faxai, empfing uns heute Morgen eine strahlende, wolkenfreie Stadt mit 28 Grad und Sonnenschein. Und wir haben gelernt: ruhig bleiben, den Warnungen folgen und sich nicht verrückt machen lassen und sind froh, dass hier nicht mehr passiert ist.

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Morning After

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Keine Spur von Hagibis

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Der Fuji-San grüßt aus seiner Wolke

 

 

Skytree bis Kitchen Town

Wir haben Tokio ja mittlerweile an so einigen Punkten von oben gesehen: wir waren auf dem Dach des Roppongi Hills Mori Tower, sind die Riesenräder in Edogawa und Odaiba gefahren, durch den Sky-Circus marschiert, haben uns den Tokyo Tower angesehen und wohnen im 37. Stock. Aber auf 450 Metern waren wir bisher noch nicht. Wir haben es endlich auf den Skytree geschafft! Der mit 634 Metern höchste Fernsehturm der Welt und das zweithöchste Bauwerk nach dem Burj Khalifa in Dubai blinkt uns aus Sumida bis ins Wohnzimmer zu.

Was soll ich sagen? Ein Blick über Tokio lohnt sich einfach immer und aus dieser Höhe erst recht. Der Bube war besonders von dem halb verglasten Aufzug angetan, der schon während der Fahrt nach oben kleine Ausschnitte der Stadt zu bieten hat.

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Tokio so weit das Auge reicht

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Das erste Mal ohne Flugzeug in dieser Höhe

Kulinarisches Wunderland

Am Mittwoch habe ich mich dann noch alleine auf Erkundungstour gemacht. Ich wollte mir die Kappabashi Dougu Straße ansehen, auch bekannt als Kitchen Town. Seit 1912 werden hier Artikel rund ums Thema Essen, Küche und Gastronomie angeboten. Das klang interessant. Dort angekommen, stand mir erstmal der Mund offen. In der 800 Meter langen Straße gibt es alles, wirklich ALLES, was man sich unter einer Küchenstadt so vorstellen mag: Töpfe, Pfannen, Besteck, Geschirr, Deko, Lampions, Fake Food aus Plastik, das so echt aussieht, das man reinbeißen könnte, Möbel wohin man auch schaut. Wer in Tokio ein Souvenir sucht, sollte nichts kaufen, bevor er nicht in Kappabashi war. An alle Familienmitglieder und Freunde: die Wahrscheinlichkeit, dass eure Geschenke und Mitbringsel in Zukunft aus Kappabashi stammen, ist enorm hoch!

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Eingang ins Küchenparadies

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Hier stimmt auch die Deko

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Der Skytree grüßt aus einer Seitenstraße

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Jemand eine Essensattrappe?

Definitiv kein Ort für den Rest der Familie – alle drei würden sich wohl schnell langweilen und die beiden kleinsten Vertreter wären zwischen all dem Geschirr denkbar fehl am Platz – aber ich fand es großartig mir unzählige Geschäfte und das Angebot anzuschauen. Und ein paar Schätze mussten natürlich auch mit nach Hause.

Kappabashi Treasures

Ausbeute

Und weil auch etwas Schräges nicht fehlen durfte, gab es für meinen Fahrradschlüssel noch ein Stück aus dem Reich der Plastiklebensmittel, die man hier übrigens vor nahezu jedem Restaurant oder Imbiss findet. Hier kommen die also her!

 

Vorbereitungen

Das kommende Wochenende werden wir aller Voraussicht nach drinnen verbringen müssen. Der 19. Taifun der Saison, Hagibis, hat sich mittlerweile zum Super-Taifun ausgeweitet und wird Faxai übertreffen, wenn er voraussichtlich am Samstag über Tokio hinwegfegt. Mehr als sich einen Vorrat an Wasser und Nahrung zuzulegen und im Haus zu bleiben, kann man nicht wirklich tun, also nisten wir uns im Nest ein und warten ab.

Herbstanfang

あき

Aki, das heißt Herbst. Ich kann den japanischen Herbst schreiben und aussprechen, sogar feiern kann ich ihn, denn wir hatten extra einen Feiertag für den Herbstanfang. Nur sehen und fühlen kann ich ihn so gar nicht. Es sind 29 Grad, das ist für mich immer noch Sommer, egal wie tief die Sonne steht, wann sie untergeht und wieviel Halloween-Deko auch immer zu sehen ist. Das macht mich langsam etwas griesgrämig, denn so gut ich mit der Hitze im Sommer auch klar kam und so schön er auch war, ich liebe den Herbst. Er war schon immer meine Lieblingsjahreszeit und nach gefühlt doppelt so langem Sommer, wie jemals zuvor, wäre ich dann jetzt mehr als bereit für bunte Blätter, Wind und Temperaturen wenigstens unter 20 Grad. Ich will meinen Aki! Jetzt!

Zeit zum Spielen

Bis dahin sind wir noch im Sommermodus unterwegs, schieben aber auch immer mal wieder ein paar Indoor-Aktivitäten ein. Zum Beispiel das Museum of Contemporary Art in Kōtō, wo im Moment noch die Ausstellung „Now, it‘s time to play“ läuft. Das klang nach einem kindertauglichen Museumsbesuch und wir wurden  nicht enttäuscht. Sechs Künstler haben hier in verschiedenen Stationen Spielmöglichkeiten erschaffen, die aus der Routine führen und Kreativität von Jung und Alt anregen sollen. Wir konnten an Schrankwänden hochklettern (aber bitte nur in der untersten Reihe, wir sind hier immer noch in Japan und Sicherheit ist oberstes Gebot), durch ein kleines Labyrinth laufen, mit bunten Knöpfen werfen, unsere Schatten jagen, Masken gestalten, Türme aus Wörtern bauen, einen Parcours bewältigen, Papierflieger fliegen lassen, Bilder ausmalen und auf Betten ausruhen.

Besonders viel Spaß hatten die kleine Dame und ich bei den Masken. Nachdem der Bube Bennis Hose statt seiner Maske Pink verziert hatte, zog Letzterer es vor, mit dem Sohn ins Café zu gehen. Bei Benni hat ein Kaffee immer auch beruhigende Wirkung, wie es scheint. Die kleine Dame und ich tobten uns weiter an unseren Masken aus. Es wurde gemalt, geschnitten und geklebt bis wir zwei würdige Exemplare für die riesigen Wände des Ausstellungsraums fertig hatten und diese stolz Teil des Kunstwerks werden ließen. Zeitgenössische Kunst eben.

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Die fertigen Kunstwerke

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Raum zum Austoben

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Da! Teil der Ausstellung

Buntes Treiben

Sonntag zog es uns mal wieder nach Odaiba zum Riesenrad und Shoppen in Palette Town. Diesmal war auch der Bube mit am Start für eine Fahrt im Riesenrad, die letzte Gelegenheit in Edogawa hatte er ja verschlafen. So hoben wir also zu viert ab im pastellbunten Riesenrad und schauten uns die Nachbarschaft von oben an.

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Bunt in die Höhe

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Wo ist unser Zuhause?

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Pause im Grünen

Auf Odaiba reihen sich gleich vier Einkaufszentren direkt aneinander, so dass man hier gemütlich von einer Mall zur anderen schlendern und zwischendurch immer mal ein Päuschen auf den Promenaden machen kann. Bennis Jagd auf Sneaker endete letztlich aber mit der Feststellung, dass seine Schuhgröße in Japan eher schwierig zu bekommen sein wird.

Dafür konnten wir ein paar schräge Eindrücke sammeln. Im Tierfachgeschäft. Nicht ganz das, was es bei uns ist. Zum einen kann man in Tokio mehr oder weniger an jeder Ecke Hunde kaufen. Es gibt auch immer ein paar Katzen, aber der Fokus liegt klar auf diesen plüschigen Trethupen in jeder Rasse und Farbe. Da man diese aber frei laufend weder in Geschäfte noch in die U-Bahn oder sogar in die öffentlichen Flure und Aufzüge der Wohnhäuser mitnehmen darf, gibt es eine Vielzahl an Transportboxen und Buggys zur Auswahl. Hundebuggys. Und damit nicht genug, die kleinen Schätzchen wollen ja auch modisch auf dem neusten Stand sein, zumindest scheint das die Meinung der Besitzer zu sein, denn im Tiergeschäft gibt es mehr Klamotten für Minihunde als in manchem Laden für Menschenkleidung. Oh, und essen sollen sie ja auch ganz wie die menschlichen Begleiter, also gibt es auch die Pet Cuisine – Ehrensache. Ich war schlicht sprachlos und so richtig viel fällt mir dazu immer noch nicht ein…

Alltagsaktivitäten

Für unsere Nachmittage auf Shibaura Island haben wir inzwischen unsere kleine Promenadenrunde bis ans Ende der Insel erweitert, wo wir mit Krebsen belohnt werden, die nach Herzenslust beobachtet werden können.

Die ärztliche Versorgung haben wir gestern dann auch noch erstmalig testen müssen. Der Bube war in der Wohnung ausgerutscht und gefallen. Dabei hat er sich irgendetwas am Bein oder Fuß so verletzt, dass er erstmal nicht mehr auftreten und laufen konnte. Da wird einem dann doch mal ganz anders, wenn der fast Zweijährige einen voller Angst anschaut und „Au, aua!“ wimmert. Also ab ins Taxi mit den beiden und zu einem englischsprachigen Kinderarzt in Azabu-Jūban. Bis wir dort ankamen, ging es mit dem Laufen zum Glück wieder und der Arzt gab nach der Untersuchung Entwarnung. Jetzt wissen wir wenigstens, wohin, wenn die Kinder krank sind.

 

Erst Japan, jetzt Japanisch

Hajimemashite, Simone desu. Yoroshiku onegaishimasu.

Jahaaaa, unser Japanischunterricht hat begonnen und ich kann mich schonmal vorstellen [ungefähr: Wie geht es Ihnen, ich bin Simone. Schön, Sie kennen zu lernen.“]. Die Übersetzung ist allerdings mit Vorsicht zu genießen, da die Umgangsformen nicht mit den deutschen oder englischen übereinstimmen. „Hajimemashite“ zum Beispiel wird nur verwendet, wenn man jemanden zu ersten Mal trifft, wogegen „Yoroshiku onegaishimasu“ sehr häufig und verschieden eingesetzt wird, auch etwa als Dank und Wertschätzung einer bevorstehenden Dienstleistung. Das kann ich also zu unserem Busfahrer sagen, wenn ich die Kinder das nächste Mal zum Bus bringe. Bisher beschränkt sich unser Austausch auf freundliches fuchtelndes Winken und „Good Morning!“.

Workbooks

Viel zu tun

Ich jedenfalls freue mich wie ein Schnitzel, weil ich endlich ein bisschen Licht ins Sprachdunkel um mich herum bringen kann, aber alter Schwede, das wird harte Arbeit. Vor allem die Schrift ist eine Zicke. Drei verschieden Schriftsysteme kommen zum Einsatz, und das nicht hübsch voneinander getrennt, sondern gerne innerhalb eines Satzes alle zusammen. Die komplizierteste Form, das aus dem Chinesischen entstandene Kanji, besteht aus etwa 3.000 regelmäßig verwendeten Zeichen, die als Logogramme alle eine eigene Bedeutung haben und mehrere mögliche Lautformen. Das lernen wir nicht. Puh. Erstmal lernen wir Hiragana, das vereinfachte gängige Silbenschriftsystem, mit immerhin noch etwa 50 Grundzeichen. Für Fortgeschrittene wäre dann noch Katakana hilfreich, das hauptsächlich für Fremdwörter oder Lautwörter verwendet wird. Zum Beispiel auch für unsere fremden Namen.

Simone: ジモーネ

Ich fühle mich wieder wie in der Grundschule, als ich A nach A in eine Zeile geschrieben habe, um unsere Schrift zu lernen. Und wie damals klingt es auch, wenn ich versuche, zu lesen: „…a..aaa..A…..i..i…iiii…I….Ai…Ai!“ Hat man die Laute dann identifiziert und aneinandergereiht, muss man nur noch wissen, was „Ai“ nun eigentlich heißt. Liebe. ❤️

A propos Liebe, Benni ist übrigens mein Otto! Otto ist der Ehemann und ich muss immer noch lachen. Das haben wir letzte Woche in unserem Wörterbuch gelernt und als ich dann noch Glatze und Bart nachgeschlagen habe, war es hier für eine Weile völlig aus, als wir uns vorgestellt haben, wie ich Benni wohl beschreiben würde, wenn ich ihn suche: „Otto!“ Wildes Fuchteln und Tippen auf den Kopf: „Hage!“ Weiteres Gestikulieren Richtung Kinn: „Hige!“ Ich bin zuversichtlich, dass ich ihn wiederfinden würde…

Schwäne, Pandas und Pinguine

Sonst waren wir diese Woche viel draußen, am Wochenende mal wieder in Ueno Park, in dem es einfach viel zu sehen und zu tun gibt und wir Dank unserer Jahreskarten auch immer gut einen Abstecher in den Zoo machen können. Dazu haben wir dieses Mal eine kleine Tretbootfahrt auf dem Parkteich gewagt – in einem pinkfarbenen Schwan. Die kleine Dame hätte es nicht besser aussuchen können und war zufrieden. Benni und ich, beide mit überdurchschnittlich und in Japan geradezu grotesk langen Beinen ausgestattet, traten nur, wenn es sein musste und schipperten ein bisschen zwischen den übrigen Schwänen umher. Als Belohnung gab es eine Art Minipfannkuchen in Pandaform. Alle begeistert.

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Wie Sie sehen, sehen Sie Pink

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Erhöhtes Schwanaufkommen

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Panda zum Naschen

So langsam haben wir hier auch eine stattliche Auswahl an größeren und kleineren Spielplätzen in Laufweite zusammengesammelt, nachdem wir diese Woche den fünften entdeckt und erobert haben. Leider etwas zu spät für den dazugehörigen Splash-Water-Spielbereich mit Pinguinen, der letzte Woche Saisonende hatte. Nächstes Jahr…

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Spielplatz in Sichtweite (unser Haus ganz rechts)

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Bereit zum Entern

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Pinguine auf dem Trockenen

Montag war hier mal wieder Feiertag. Tag zur Ehrung der Alten. Wie die Berge auch, haben wir die Alten ausgelassen, dafür aber uns ein bisschen in Ehren gehalten. Der Kindergarten blieb offen, so dass Benni und ich eher unerwartet einen freien Vormittag zu zweit hatten. Mein Otto und ich waren also ein bisschen in Shibuya bummeln und Kaffee trinken. Und Matcha-Tee. Feiner Montag.

Matcha

Sieht aus wie ein Schluck Sumpf, schmeckt aber super

 

Beängstigend und beeindruckend

Uns war immer bewusst, dass wir mitten im südhessischen Deutschland sehr gut aufgehoben waren, was das Wetter und seine Auswirkungen angeht. Nicht nur wurden wir mit vielen sonnigen Tagen im Jahr verwöhnt, die Temperaturen waren in beide Richtungen für gewöhnlich angenehm zu ertragen. Aber noch viel wichtiger: wirkliches Katastrophenwetter gab es nicht. Das Schlimmste waren Starkregen und mal ein Sturm, der zwar auch im Einzelfall gefährlich austeilen konnte, aber nichts war gegen zum Beispiel einen ausgewachsenen Taifun.

Faxai

Ende letzter Woche begannen die Warnmeldungen und Informationen. Bereits da war klar, dass der 15. Taifun diesen Jahres und unser erster nicht, wie seine Vorgänger, an Tokio vorbei ziehen würde, sondern mitten durch die Stadt hindurch. Die Kindergartenleitung informierte uns, dass Montag geschlossen bleiben müsste und die Bahnbetreiber teilten mit, dass der öffentliche Nahverkehr erst um 8.00 Uhr morgens wieder aufgenommen werden würde, was eine kühne Fehlkalkulation werden sollte, denn Faxai übertraf alle Vorhersagen. In großen Teilen des Landes richtete er großen Schaden an und forderte mindestens drei Leben. Für uns war das Ausmaß des Taifuns zum Glück nur sehr wenig zu spüren. Wir wurden vom Tosen des Sturms und heftigen Regens geweckt und mussten mit den Kindern ein wenig Tetris in der Wohnung spielen, bis alle wieder einigermaßen schlafen konnten, aber mehr hat das Nest nicht abbekommen. Benni konnte am nächsten Morgen in zwar sehr vollen Zügen und später als sonst, aber problemlos zur Arbeit fahren. Tausende Menschen, die sich auf die 8:00-Uhr-Ansage verlassen hatten, standen früher für lange Zeit in hoffnungslos überfüllten und um Teil gesperrten Bahnhöfen.

Die Ruhe nach dem Sturm – jetzt weiß ich erst wirklich, was das ist. Tokio strahlte ab mittags im Sonnenschein und verabschiedete den Tag mit einem unglaublichen Sonnenuntergang.

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Das durch den Sturm aufgewirbelte Wasser war noch Stunden nach Faxai grasgrün

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Erleichterung am Abend danach

Das war sicherlich der stärkste Eindruck unserer Woche, aber zum Glück haben wir auch wieder viel Schönes erlebt.

Ausgang

Der Elternabend zum Beispiel verlief erfreulich entspannt und endete nicht – wie so oft in Deutschland – in stundenlangen Diskussionen über vermeintliche Probleme. Ein halbe Stunde wurden wir von den Erziehern über die jeweilige Gruppe und ihren Plan für die nächsten Monate informiert, dann traf man sich bei Wein und Häppchen zu ungezwungenem Austausch in der großen Runde. Für mich der erste Abend seit Wien im Juni, den ich ohne Kinder „draußen“ war. Besonders schön war auch die Heimfahrt mit dem Mamachari durch die so vielseitig beleuchtete Stadt.

Home

Heimweg

Ein bisschen Tierwelt haben wir auch wieder in unsere Unternehmungen eingebaut. Benni und ich – beide große Katzenfreunde – waren letzte Woche in einem Katzencafé in Harajuku. Ohne Kinder, denn die dürfen da noch nicht rein. Schade für die beiden, aber sicher im Sinne der Fellbündel. In einem gemütlichen Raum konnte man sich entweder einen Platz suchen oder den Bewohnern an ihren Plätzen rücksichtsvoll Gesellschaft leisten. Für die Tiere gab es durch unter der Decke verlaufenden Ebenen und einen Ausgang in Form einer Katzenklappe ausreichend Rückzugsmöglichkeiten, so dass sie tiefenentspannt waren und ihre Gäste hoheitsvoll empfangen konnten.

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Das Katzenwohnzimmer

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Alles im Blick

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Katzenwege

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Ein bisschen Bestechung

Noch mehr Tiere gab es am Samstag, diesmal auch wieder mit Bube und Dame. Durch die gerade bei Benni noch ziemlich ausgeprägte Erkältung ließen wir das eigentliche Ziel Skytree, den höchsten Aussichtspunkt Tokios, nochmal aus. Bei einer Aufzugfahrt auf 450 Meter will man freie Nebenhöhlen haben. Statt dessen haben wir uns das Sumida Aquarium im gleichen Komplex angesehen. Zwar sehr klein im Vergleich zu anderen Aquarien, ist Sumida allerdings sehr schön angelegt. Auf zwei Ebenen finden sich vor allen Dingen Quallen, Pinguine, Seehunde, Goldfische und bizarre kleine Aale, die wie Grashalme aus dem Meeresboden schauen. Es gibt keine festen Wege, man kann die Aquarien aus verschiedenen Blickwinkeln oder Richtungen ansehen und die Atmosphäre ist angenehm ruhig trotz vieler Besucher.

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Hausputz bei den Pinguinen

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Mal wieder Kingyo

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Ein Fischgarten

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Tokyo Skytree – nächstes Mal von oben

Sonntagabend – man soll es kaum glauben – hatten wir Dinner Reservations. Mit dem momentan sehr anstrengenden Buben, wenn es um Ruhe und Ordnung geht, haben wir uns noch nicht in ein Restaurant getraut, seit wir hier sind. Noch in Roppongi hatte ich einen Flyer von einem Restaurant gefunden, das einmal im Monat Family Dinner anbietet mit Kindermenü, Küchenführung und Eis zum selbst Verzieren. Zu unserem Glück war es obendrein ein ganz großartiges Restaurant mit fantastischem Essen und somit ein gelungener Abend.

Seelenbeben

In einem meiner ersten Beiträge nach unserer Ankunft hatte ich dem Mori Art Museum in den Roppongi Hills versprochen, in Ruhe wieder zu kommen. Heute war es endlich soweit, ich habe mir die Ausstellung „The Soul Trembles“ von Shiota Chiharu angesehen. Da musste ich erst nach Tokio kommen, um etwas von der seit 23 Jahren in Deutschland lebenden japanischen Künstlerin kennen zu lernen. Mit gewebten Netzen und Gespinsten aus farbiger Wolle stellt Chiharu ihre Vorstellung von Existenz und Gefühlen dar. Ihre oft raumfüllenden Installationen sind sehr beeindruckend und wunderschön.

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Besonders berührt hat mich „Accumulation – Searching for the destination“, ein Meer aus Koffern an roten Schnüren, die für viele Kofferbesitzer und ihre Gründe, ihre Heimat zu verlassen, stehen.

People leave their hometowns with a destination in mind. Living among people of different nationalities, you suddenly forget that you are Japanese. Looking at yourself reflected in a mirror, you realize for the first time that you have black hair and black eyes.

The further you drift and the more you mix, the more you arrive at a place that allows you to stare hard at yourself, anew.

When I look at a heaping pile of suitcases, all I see is a corresponding number of human lives. Why did these people leave the place they were born, in search of some destination? Why did they go on this voyage? I think back on the feelings of these people on the morning of their departure. – Shiota Chiharu

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O‘zapft is!

Oktoberfest! Auf Odaiba! Japaner feiern eine eigene Miniversion des Exportschlagers deutscher Feste. Das mussten wir uns ansehen. So zog es uns dieses Wochenende wieder nach Odaiba und auf ins blau-weiße Vergnügen. Fahrgeschäfte oder Jahrmarktatmosphäre suchte man hier vergebens, es wurde sich aufs Wesentliche beschränkt: Bier, Würstchen und deutsche Bierzeltmusik.

Am Eingang erwarteten uns zwei Aufsteller in Tracht zum Fotos machen: der typische Deutsche mit Bierbauch in der Lederhose und das weibliche Gegenstück mit ordentlich Holz vor der Hütte. Wir – wenn auch mit weniger Bauch und Holz ausgestattet – fühlten uns inmitten der japanischen Besucher in Bier- und Tanzlaune tatsächlich sehr deutsch. Bube und Dame erreichten gar einen kleinen Menschenauflauf und wurden eingehend bestaunt. Bisher konnte trotz der großen Vielfalt und Andersartigkeit Tokios noch nichts ein größeres Gefühl von Surrealismus auslösen als dieses Fest, aber lustig war es auf jeden Fall. „Wie im Traum!“ stellte die kleine Dame mit ihren Würstchen vor sich und der Musik aus dem Festzelt hinter sich feierlich fest. Der Bube kommentierte durch ausgiebiges Schunkeln das Geschehen. Benni und ich ließen uns das Erdinger schmecken und beobachteten den Effekt von Bier und „Anton aus Tirol“ auf die Menge. Faszinierend.

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Jemand ein Foto als Deutscher?

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Keine Maß, aber Bier ohne Ende

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Stimmung!

Mitbringsel aus dem Kindergarten

Nach einem ausgelassenen Wochenende folgte diese Woche die erste Familienbegegnung mit japanischen Infekten. Der Kindergartenfluch – Freund aller Eltern – schlug zu. Da schickt man den Nachwuchs zwei Tage in den Kindergarten und schon bringen sie zuverlässig ein paar nette Grässlichkeiten aus der Viren- und Bakterienküche mit. Bube und Dame kamen mit einer leichten Erkältung davon, den Rest von uns traf es härter. Benni, der eigentlich nach Europa musste, konnte nicht fliegen und kuriert sich aktuell noch im Nest aus.

Anpassungsfähig

Meine Erkältung wird nicht geteilt!

Mit Schnupfennase und Husten im Gepäck, wagte ich mich heute sehr japanisch auf die Straße: mit Mundschutz, um meine Krankheitserreger nicht in der zahlreich vorhandenen Bevölkerung zu verteilen. Mir stellt sich die Frage, warum es diese Dinger nicht auch in schön gibt. Ist doch nur Papier, könnte doch auch schwarz statt weiß sein. Oder bunt. Oder gestreift. Oder weiß der Geier was, aber nicht so klinisch weiß. Einen coolen Jungjapaner im Teenie-Alter habe ich dann doch noch mit einer wohl waschbaren Textilvariante in schwarz gesehen. Trendsetter. Muss mir so eins besorgen.

Busprofis

Bube und Dame sind seit Montag stolze Busfahrer. Jeden Morgen werden sie vom kleinen hellblauen Schulbus eingesammelt und mir nachmittags wieder geliefert. Schon eine etwas andere Anreise, als der bisherige sehr beschauliche Spaziergang zum Kindergarten um die Ecke in Deutschland. Das scheint aber nur mir aufzufallen, die beiden wirken, als hätten sie nie was anderes gemacht, als sich morgens ohne mich in den Bus zu setzen.

Am Freitag steht der erste internationale Elternabend an. Ich bin gespannt, was mich da erwartet.

 

Klangvoll

Nachdem wir Roppongi und den 13. Stock hinter uns gelassen haben, sind wir auch dem Großstadtlärm ein Stück weit entkommen. Oben im Nest ist es ruhig und friedlich, nur leise reichen die Geräusche von der Straße bis zu uns nach oben. Aber längst nicht alle Geräusche stören. Nach und nach gewöhnt man sich an den wilden Klangmix und hört einzelne Laute neben den vielen Menschen und Fahrzeugen heraus.

Eines der ersten neuen Geräusche, das einem nicht entgehen kann im Sommer, ist das der Zikaden. Diese sechs bis acht Zentimeter großen Wuchtbrummen von Insekten schlüpfen mit dem Ende der Regenzeit und erobern die Stadt. Mein lieber Mann, machen die einen Krach! Bis zu 120 dB können manche besonders vorlaute Exemplare erreichen. Das ist mehr als ein Presslufthammer schafft. So dröhnt es ganz schön ordentlich aus den Bäumen.

Zikade

Krachmacher bei der Arbeit

Bei japanischen Kindern sind die Zikaden sehr beliebt. Sie werden aus Bäumen geklaubt und spazieren getragen oder die abgelegten Larvenhüllen werden eingehend betrachtet. Der Bube findet es spitze und hätte wahrscheinlich selbst gerne eine Zikade zum Gassigehen. Ein Junge auf dem Spielplatz überließ ihm großzügig die gesammelte Larvenhülle. Was für eine Freude! Voller Begeisterung hielt er der kleinen Dame die riesige Insektenhülle unter die Nase und erntete damit die so ziemlich mädchenhafteste Reaktion, die man sich vorstellen kann: ein Spitzer Aufschrei gefolgt von Flucht und einem lauten und langen „Iiiiiiiiiihhhhhh!“ Herrje, wie haben wir nur zwei so gendertypische Exemplare hinbekommen?

Das Abendlied

Ein weiteres sehr charakteristisches Geräusch, das wir schnell lieb gewonnen haben, ist das 5-Uhr-Lied. Jeden Tag um 17.00 Uhr spielen die in der ganzen Stadt installierten Lautsprecher des Municipal Disaster Management Radio Communication Networks eine Melodie. In einem Land, in dem Erbeben und Tsunamis bereits Katastrophen ausgelöst haben, soll das System Warnungen schnell und flächendeckend an die Bevölkerung senden. Je nach Region kann es aber auch für weitere Warnungen oder auch Informationen genutzt werden. Um die einwandfreie Funktion regelmäßig sicherzustellen, wird das Lautsprechernetzwerk einmal am Tag getestet. Da nun aber ein Sirenenton zum Feierabend nicht wirklich angenehm wäre, spielen die Lautsprecher eine Melodie. In den meisten Fällen, so auch in Roppongi und jetzt hier in Shibaura, ist es eine Instrumentalversion des alten japanischen Kinderliedes Yuyake Koyake von Shin Kusakawa. Fest in den japanischen Alltag integriert, wird es auch gerne genutzt, um gerade Kindern zu signalisieren, dass es Zeit ist, nach Hause zu gehen, denn nicht lange nach der Melodie ist Sonnenuntergang. Auch die kleine Dame nennt es schon andächtig „das Abendlied“. 

Zwar für den Ernstfall eingerichtet, ist es im Alltag wirklich zauberhaft, wenn für einen Moment diese riesige Stadt inne zu halten scheint und lauscht.

So finden wir in der Fülle der Geräusche immer auch Schönes und Interessantes oder aber auch Orte, die verhältnismäßig friedlich sind. Gleich um die Ecke liegt Shibaura Park mit einem Spielplatz und einem kleinen angelegten Garten. Eine von vielen kleinen Oasen zwischen den Hochhäusern. Direkt vor unserem Haus verläuft die autofreie Promenade am Wasser entlang, wo Bube und Dame nach Herzenslust rennen und erkunden können. Heute wurde exzessiv mit kleinen Steinchen gespielt, das Echo unter einer Brücke lautstark ausgetestet (auch ein spannendes Geräusch) und den Wasservögeln und Booten auf dem Kanal zugesehen.

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Entspannendes Plätzchen

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Garteninspektion

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Auslauf am Wasser

Full Moon und Sunshine Class

Eine Geräuschkulisse ganz anderer Art tat sich dann für uns diese Woche noch im Kindergarten, oder hier in der Pre-School, auf. Bube und Dame haben den Start bis auf ein paar Abschieds- und Wiedersehens-Tränchens des Buben super gemeistert und bleiben trotz des Gewusels und Sprachdurcheinanders einigermaßen entspannt. Diese Woche sind wir noch hin und her geradelt, ab nächster Woche beginnt das Abenteuer Schulbus.

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Stolze Pre-School-Kinder auf dem Weg

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Weit kamen wir am ersten Tag nicht – Regenstopp

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Die Full Moon Class stellt sich in Selbstporträts vor – die kleine Dame grinsend oben rechts