Zeit im Nest

Als Japan vor mittlerweile vier Wochen die Schließung von Schulen, Museen, Zoos und anderen Einrichtungen des öffentlichen Lebens beschlossen hat und wir uns auf einmal von unserem gerade erst eingeschwungenen Alltag verabschieden mussten, sah es in Europa noch völlig anders aus. Wir haben uns gefragt, ob wir für eine Weile zurückgehen sollten, um im Zweifel im eigenen Land unter Ausgangssperre zu stehen, wo wir die bereit gestellten Informationen besser verfolgen und verstehen könnten und um näher bei unseren Lieben zu sein.

Wir sind geblieben und was das heißt, werden wir wohl noch feststellen. Noch haben wir keine Ausgangssperre, aber eine neue Notstandsgesetzgebung für SARS-CoV-2 ist verabschiedet, so dass entsprechende Maßnahmen jederzeit angeordnet werden können, wenn nötig.
Viele Unterhaltungseinrichtungen sind geschlossen und für Geschäfte gelten eingeschränkte Öffnungszeiten, davon abgesehen konnten wir in den letzten Wochen aber einkaufen, auf Spielplätze, in Parks, Restaurants und Shopping Center gehen. Tatsächlich haben wir uns auf Spielplätze und Parks, Spaziergänge und kleinere Radtouren beschränkt.

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Es bleibt die Frage, warum Japan scheinbar so glimpflich davon kommt und ob das dicke Ende noch kommt. Es sieht nach letzterem aus. Offiziell gibt es nach Stand von Sonntag 1.084 Infektionen und 41 Todesfälle. Klar ist allerdings auch, dass Japan sich sehr zurückhält, was die ausgeführten Tests angeht. Nicht nötig, sagt die Regierung, sehr wohl nötig sagen andere. Das Auswärtige Amt schreibt in seinem letzten Landsleutebrief (ja, so wird man angesprochen, wenn man sich als im Ausland lebende Deutsche registriert), das Infektionsrisiko in Japan sei nicht seriös einzuschätzen.

Mit der offiziellen Verschiebung der Olympischen Spiele, stellt Tokio nun auf einmal einen deutlichen Anstieg neuer Infektionen fest und verschärft die Vorgaben. Eine Ausgangssperre wird immer wahrscheinlicher. Und wieder leere Regale im Supermarkt. Ähnlich wie in Deutschland werden die neuen Zahlen und das Verhalten der Tokioter am Wochenende zeigen, wie danach verfahren wird. Wir warten weiter.

Eingenistet

Wie der Rest der Welt, verbringen wir während wir warten viiiiiiieeeel Zeit zu Hause in unserem Nest. Mit zwei kleinen Kindern kann ich nicht behaupten, dass ich mich socially distanced fühle. Sozialer Overload trifft es eher. Es ist viel, es ist anstrengend, aber lassen wir die Kirche im Dorf, es geht uns gut. Ich muss nicht arbeiten, so dass die Kinderbetreuung gesichert ist, wir müssen uns erstmal keine Sorgen um einen Arbeitsplatz machen, wir gehören nicht zur COVID-19-Risikogruppe und wir haben Klopapier. Machen wir also das Beste daraus. Nein, nicht aus dem Klopapier.

Pures Gold

Wie sehr viele Mamas und Papas weltweit, bin ich also auf der stetigen Suche nach Indoor-Beschäftigungsmöglichkeiten für meine beiden Mini-Mitbewohner. Mit einer Neubestellung Bücher und einem großen Einkauf an Bastel- und Malutensilien konnte schonmal eine gewisse Grundlage geschaffen werden. Damit haben wir inzwischen Schnecken aus Pappschüsseln und Tonpapier gebastelt, wilde Wasserfarbenbilder und Ausmalbilder gemalt, Ketten gefädelt, Aufkleberkunstwerke geschaffen und unendlich viel Chaos produziert. Die kleine Dame hat mit großer Hingabe ein ABC-Buch beschriftet und illustriert – einer der tollen Tipps ihres Lehrers. Seitdem kann sie jeden Buchstaben des Alphabets schreiben, vorher fehlte etwas die Motivation, es zu versuchen. Ich bin ja sehr großer Fan vom X (sieht Bild).

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P für Pineapple

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X für X-Ray von einem Fuß (das L ist ganz klar ein Unteschenkel mit Fuß!)

Wir haben uns auch an Salzteig versucht, aber entweder ist das japanische Mehl ist nicht wirklich geeignet oder ich. Oder beides, jedenfalls ist außer einer riesigen Sauerei nicht viel dabei herausgekommen. Sehr zu empfehlen als Beschäftigung ist allerdings ein Fotoalbum. Die kleine Dame macht sehr gerne Bilder mit ihrem Fotoapparat und hat sich gewünscht, ein eigenes Album zu machen. Dank Konbinis an jeder Ecke (Convenience Stores wie 7-Eleven oder Lawson heißen in Japan kurz Konbini – einfach beide Worte mal laut aussprechen, dann macht es Sinn) war die Beschaffung der Materialien kein Problem. Jedes Konbini hat einen Sofort-Fotodrucker und auch eine Auswahl an Notizbüchern, die sich gut zu einem Album umfunktionieren lassen. Voilà – ein zeitintensives Projekt kann gestartet werden.

Scrapbook meets Fotoalbum

Bewegung im Irrenhaus

Jeden Morgen machen die beiden Aktivitätsjunkies mit großer Hingabe Kinder-Yoga, ansonsten rennen sie auch gerne einfach wie gestört durch die Wohnung und machen aus jedem Möbelstück ein Turngerät. Oder aus mir – tolles mobiles Turngerät, ich. Ganze Welten werden aus LEGO erschaffen, der gesamte Fuhrpark wird in Reih und Glied geparkt, das Hexenkleid von Halloween und das Elsa-Kostüm werden getragen (ersteres bevorzugt vom kleinen Buben) und DVDs werden aus ihren Hüllen befreit (2 Verluste bisher). Ganze Buchreihen werden vorgelesen oder durchgeblättert und eigene Geschichten erzählt. Ich fühle mich wie in einer Art kreativem Irrenhaus. Ich weiß nur nicht so genau, ob ich Pflegepersonal oder Patient bin.

Kinder-Yoga

Die letzten beiden Tage vor den Schließungen habe ich übrigens noch gewinnbringend nutzen können. Ich hatte zwei Kochkurse gebucht und so noch schnell lernen dürfen wie man Ramen (japanische Nudelsuppe), Gyōza (japanische Abwandlung chinesischer Teigtaschen) und Temari-Sushi (zu Bällen gerolltes Sushi) zubereitet. Sehr nützlich, gerade wenn man danach viel zu Hause ist und isst. Die kleine Dame kann inzwischen auch schon hervorragend ihre eigenen Temari-Sushi-Bälle machen, der Bube nimmt sie lieber wieder auseinander und isst die Bestandteile einzeln. Jeder, wie er mag. Itadakimasu (wird an gleicher Stelle wie unser „Guten Appetit“ gesagt, heißt aber so viel wie „Danke für das Essen“).

Zeichensprache

Meinen Intensiv-Sprachkurs musste ich leider verschieben, aber immerhin hat die viele Zeit zu Hause auch mehr Gelegenheit geboten, zu üben und ich kann voller Stolz sagen (man stelle sich an dieser Stelle bitte Tom Hanks in „Cast Away“ vor, wie er nach langer Zeit schweißtreibenden Übens verkünden konnte: „Ich habe Feuer gemaaaaacht!“) – Achtung, jetzt ich – Ich kann Hiraganaaaaaaa!!!
Ich habe das erste japanische Zeichensystem intus und übe seitdem an JEDEM Schild, das mir begegnet. Wenn jemand also eine murmelnde Frau durch Tokio wandeln sieht: Ich lese Hiragana!

Üben, üben, üben

Sakura

Jeder Krisenstimmung zum Trotz hat in Tokio die Sakura-Saison begonnen. Was in Deutschland einer von vielen blühenden Bäumen im Frühling ist, ist in Japan DER blühende Baum. Oder besser unzählige davon. Tausende Kirschbäume aller Art stehen in Parks, an Straßen, entlang der Flüsse oder auf Spielplätzen in voller Blüte. Und selbst in diesem Jahr, in dem die üblichen Festivitäten rund um die Kirschblüte abgesagt werden mussten, spürt man die Magie, die Sakura in Japan hat.

Benni und ich haben einen kleinen Hanami-Spaziergang am Meguro-Fluss gemacht. Man bleibt stehen, um sich die Blüten anzusehen, macht Fotos, trinkt rosa Sakura-Sekt und genießt Hanami. Alleine, dass es ein eigenes Wort für das Betrachten der Kirschblüten gibt, sagt schon alles über den Stellenwert, den Sakura hier hat. Ein schönes Innehalten.

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Passt gut auf euch auf.

6 Gedanken zu “Zeit im Nest

  1. Anonymous schreibt:

    Danke für diesen informativen und zugleich liebevollen Bericht. Bleibt schön gesund und passt auf euch auf. Viele Grüße aus Cuxhaven 😊

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  2. Anonymous schreibt:

    Hallo ihr Lieben! Danke für das Update. Passt auch gut auf euch auf! Das Essen sah sehr lecker aus und Glückwunsch und Respekt bzgl. Hiraganaaaaaaa! 😉 LG aus dem Südhessischem!
    PS: dachte nur die Deutschen sind so bekloppt was das Toilettenpapierhamstern angeht.

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