Nachholbedarf

So. Ich bin so lange nicht zum Schreiben gekommen, dass ich wohl offiziell sagen kann: ich bin angekommen. Angekommen im ganz normalen Alltag in Tokio. Meine Vormittage sind mit Erkundungstouren, Einkäufen, Hausarbeit, Kursen und ab und zu inzwischen sogar mit Treffen mit einer anderen Mama gefüllt. Nächsten Monat mache ich dann noch einen Intensivsprachkurs 4 Tage die Woche, da wird es morgens noch voller. Meine Nachmittage gehören meinen unerschrockenen Nachwuchsexpats. Wenn dann ab 20.30 Uhr wieder Ruhe einkehrt, schaffe ich meistens noch etwa 10% von den geplanten Tätigkeiten, dann ist Schicht im Schacht. Nicht, dass das in Deutschland anders war. Ganz normaler Alltagswahnsinn in immer gewohnterer Umgebung also.

Was aber hatte besagte Umgebung in den letzten Wochen so zu bieten für uns? Nach einem wirklich schönen Weihnachtsurlaub in Deutschland, sind wir am 31.12. nachmittags wieder in Tokio gelandet. Nach einem Einkauf und dem üblichen Auspack-Wahnsinn wurde noch ausgiebig mit allen Weihnachtsgeschenken aus Deutschland gespielt, die endlich alle aus ihren diversen Taschen und Koffern befreit waren und voll und ganz zur Verfügung standen. Wer jetzt glaubt, es gab dann noch das große Silvesterfeuerwerk wenigstens für die größeren Familienmitglieder – keine Chance. Aus gleich zwei sehr entscheidenden Gründen. Nummer 1: Wir haben tief und fest geschlafen. Nummer 2: In Japan gibt es üblicherweise kein Silvesterfeuerwerk. Es wird im Gegenteil eher ruhig im Kreis der Familie gefeiert und das Neue Jahr wird am nächsten Tag mit dem Besuch eines Schreins begrüßt. Den Teil mit der Ruhe und der Familie haben wir also tadellos japanisch gemeistert. Die letzten freien Tage haben wir den Jetlag von der Leine gelassen und es außer einem Abend zu zweit in Ginza und einem Ausflug nach Odaiba alle zusammen seeeehr langsam angehen lassen. Frohes Neues Jahr der Ratte!

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Die Rainbow-Bridge hat sich hübsch gemacht für unsere Rückkehr

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Kunst von Klaus Haapaniemi in einem von Ginzas Einkaufstentren

Spielerischer Auftakt

Wieder halbwegs in den normalen Wochenablauf gestartet, haben wir uns als erstes neues Ausflugsziel des Jahres das Spielzeugmuseum In Shinjuku ausgesucht. Anders als im Spielzeugmuseum in München, darf hier allerdings nach Herzenslust mit allen Exponaten gespielt werden. Lernspielzeug, traditionelles japanisches Spielzeug, Holzspielzeug, Musikinstrumente, Motorikspielzeug, es gab viel zu entdecken.

Schnitzeljagd durch Tokio

Kommen wir zu einer sehr kreativen Idee der U-Bahngesellschaft Tokyo Metro – Achtung, wir betreten ein wenig Nerd-Land! Wer kennt Escape-Games? Räume, in denen mehrere Spieler versuchen Rätsel zu lösen, Codes und Schlösser zu knacken und mit ganz unterschiedlichen Rahmenhandlungen kleine Geschichten durchzuspielen, die alle am Ende dazu führen sollen, den Raum als Sieger wieder verlassen zu können. Liebt man oder hasst man, schätze ich. Ich finde sie großartig. Ich mag schon die Brettspielvariante für zu Hause, aber die echten Spiele umso mehr. Benni und ich haben uns letztes Jahr schon durch Frankfurts, Dubrovniks und Wiens Escape Rooms gepuzzelt, was das Zeug hält. Da es aber nicht wirklich eine kleinkindtaugliche Freizeitbeschäftigung ist, kommen wir nicht so oft dazu. Hier in Tokio haben wir noch nicht mal danach gesucht bisher.

Nun habe ich aber dank Tokyo Metro einen unterhaltsamen Ersatz gefunden: the Underground Mysteries (jetzt bitte Trommelwirbel vorstellen). Jedes Jahr im Herbst erscheint eine neue Ausgabe des Live-Rätsels. Man kauft sich an einer der Stationen ein Spieleset und erhält ein Täschchen mit Heft, Stift und mehreren Umschlägen oder anderen Gegenständen, die man noch nicht näher untersuchen darf. Dann geht es los: das Heft leitet durch das Spiel, das einen zu verschiedenen Bahn-Stationen der Tokyo Metro führt, welche man vorher jeweils erst errätseln muss. Dann muss man ein oder meist mehrere Rätsel an dem erratenen Ort lösen und weiter geht’s. Es ist also eine Mischung aus Schnitzeljagd und Escape-Game. So bin ich schon durch Kōtō gestreunert, um Bildern auf dem Bürgersteig zu folgen. Oder mysteriösen Handabdrücken in Hibiya auf den Grund gegangen. Zur jeweiligen Station gibt es dann noch Tipps und Informationen zur Umgebung wie zu Museen, Cafés, Restaurants, Parks etc., die es sich lohnt anzusehen. So führt einen das Spiel durch Tokyo und konzentriert sich dabei auf die nicht so bekannten Seiten der Stadt, die man damit auch mal kennen lernt. Unterwegs habe ich schon viele andere Rätsellöser mit dem Heft in der Hand gesehen, es scheint sowohl Tokiotern als auch Touristen gleichermaßen Spaß zu machen.

Leider werde ich das Spiel diese Saison nicht mehr abschließen können, da es Ende Februar beendet wird und inklusive der ganzen Bahnstrecken wirklich Zeit kostet. Nächstes Mal fange ich gleich im Oktober damit an.

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Rätselmaterialien

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Auf Bildersuche

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Handabdrücken auf der Spur (Denkt noch jemand an Han Solo?!)

Roboterkarneval

Neben Pet-Cafés, psychedelisch bunten Einkaufsstraßen oder Monster-Café ist auch das Robot Restaurant in Shinjuku ein beliebtes Ziel für Touristen und ein weiteres Beispiel für abgedrehtes japanisches Unterhaltungsprogramm. Es war ohnehin mal wieder an der Zeit für ein bisschen Irrsinn, da traf es sich ganz gut, dass Bennis Chef zu einem Teamevent mit Anhang einlud: Besuch des Robot Restaurants mit anschließendem Abendessem in einem Shabu-Shabu Restaurant. Wer sich jetzt fragt, wieso es zwei Restaurants hintereinander sein müssen, dem sei versichert, dass das Robot Restaurant streng genommen weder mit Robotern noch mit einem Restaurant viel gemeinsam hat. Man kann zwar ein paar fragwürdige Chickenteile oder Popcorn ordern und jede Menge zum Großteil ferngesteuerte Maschinen bewundern, das war es aber auch mit dem kulinarischen oder roboterartigen Anteil. Dafür wird eine völlig abgedrehte 90-minütige Show geboten, die mich abwechselnd amüsiert und befremdet hat und insgesamt etwas ratlos zusehen ließ. Auf riesigen fahrbaren Aufbauten tanzen und bekämpfen sich Helden und Unholde in einem großen Spektakel aus Musik, Lasershow und Schauspielkunst. Ein bisschen wie eine Mischungs aus Karnevalsumzug und skurrilem Theater. Helau!

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Danach ging es dann wie geplant noch zum Essen. Shabu-Shabu ähnelt unserem Fondue. Sehr dünn geschnittenes Fleisch und Gemüse wird am Tisch in kochendem Sud gegart und anschließend in Soße gedipt. Sehr lecker und ein schöner Abschluss des Abends.

Raus aus Tokio

Im Februar durften wir auch mit Adrian unseren ersten Gast in Tokio willkommen heißen. Adrian und ich kennen uns schon seit dem Kindergarten (also inzwischen erschreckend lang) und ich habe mich sehr über seinen Besuch gefreut. Vieles habe ich mit ihm noch ein zweites Mal gesehen, aber es bot sich so auch an, Tokio mal hinter uns zu lassen und etwas Neues zu machen.

Kamakura ist nur etwa eine Stunde mit dem Zug entfernt von Tokio und war vom 12. bis 14. Jahrhundert Regierungssitz Japans. Von den vielen vorhandenen Sehenswürdigkeiten haben wir uns vor allem die Tempel Hōkuku-ji und Kōtoku-in ausgesucht. Ersterer ist bekannt für seinen wunderschön angelegten Bambuswald, der Kōtoku-in für seinen Daibutsu, einen riesigen, über 13 Meter hohen bronzenen Buddha aus dem 13. Jahrhundert. Kamakura ist ein willkommener Kontrast zu Tokio und auf jeden Fall einen Besuch wert.

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Bambuswald des Hōkoku-ji

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Daibutsu

Neue Perspektive

Mit Adrian war ich auch noch einmal auf dem Tokyo Tower, der bei gutem Wetter aber immer etwas hermacht, auch wenn er mittlerweile so etwas wie der alte Herr der Aussichtspunkte ist. Was ich noch nicht wusste: man kann ab dem Main Deck auch die Treppe nach oben nehmen. Oder man macht es wie wir und nimmt sie einfach auf dem Rückweg nach unten und hat während des Abstiegs diesen Teil des Turms ganz für sich alleine.

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Sammlerstücke

Schon letztes Jahr hatte ich von Nagomi Visit gehört, einer Organsiation, die Japaner und Ausländer buchstäblich an einen Tisch bringt. An den Tisch der japanischen Gastgeber um genau zu sein. Beide Seiten können sich registrieren, um für die jeweilige Gegend ein passendes Treffen entweder zum Mittag- oder Abendessen zu vereinbaren. Dann trifft man sich an der nächstgelegenen U-Bahnstation und wird von den Gastgebern in ihre Wohnung begleitet, wo ein hausgemachtes Essen und kultureller Austausch warten. Ich fand die Idee sehr schön und hatte es schon auf meiner To-Do-Liste, als Adrian auch vorschlug, Nagomi Visit auszuprobieren.

So vereinbarten wir ein Treffen mit einem Pärchen aus dem Stadtteil Ōsaki und wurden sehr herzlich empfangen und bekocht. Izumi und ihr Mann, dessen Name mir schändlicherweise entfallen ist, waren bestens vorbereitet, schließlich waren wir schon die 41. Besucherrunde, die sie zu Gast hatten. So war der Selfie-Stick für das Gruppenfoto schon fertig in Position installiert, die Menükarten vorbereitet und das Gästealbum bereit gelegt. Ein bisschen wurden wir das Gefühl nicht los, wie lebendige Trophäen in das Sammelalbum der ausländischen Gäste eingefügt zu werden, aber alles auf eine sehr liebenswerte Art. Man ist ja auch nicht alle Tag ein Exot.

Izumis Mann hatte sich vorab extra die Mühe gemacht, unsere Namen auf Kanji zu übersetzen und Visitenkarten mit den einzelnen Bedeutungen vorbereitet. Die Übersetzung in Kanji ist streng genommen rückwärts, da jedes Kanji in der Regel eine eigene Bedeutung hat und dementsprechend Worte und Sätze gebildet werden. Da unsere Namen keine Bedeutung haben, bzw. diese für einen Japaner nicht ohne weiteres auszumachen sind, hat unser Gastgeber die Kanji nach ihren Lauten zusammengesetzt, so wie man es in Hiragana und Katakana tun würde. Simone setzt sich nach dieser Methode aus den Kanji für Baum, Knospe und Geräusch zusammen. Gestatten: Baumknospengeräusch.

Unsere schicken neuen Namen hat er dann noch genutzt, um uns Shodō, also die Kunst der Kalligrafie, vorzuführen. Danach durften wir uns auch selbst mit dem Pinsel versuchen. Sehr interessant und eine schöne Idee, um uns japanische Traditionen näher zu bringen. Satt, zufrieden und reich beschenkt mit unseren Visitenkarten, einem Tengui (japanisches Tuch, das als Geschenkverpackung, Geschirrtuch, Tischläufer oder ähnliches verwendet werden kann), einer Brosche und unserer Shodō-Kunst wurden wir schließlich verabschiedet.

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Shodō

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Mein Versuch

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Reich beschenkt

Ein paar Worte zu COVID-19

Neben allen schönen und alltäglichen Dingen, die uns hier begegnen, betrifft uns natürlich, wie den Rest der Welt auch, das Coronavirus. Aktuell gibt es 870 gemeldete Fälle einer Erkrankung in Japan, 709 davon stehen in Zusammenhang mit den Erkrankungsfällen auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess. Letzteres darf man nicht außer Acht lassen, um die Beunruhigung vorerst nicht zu groß werden zu lassen.
Japans Gesundheitsministerium reagiert aktuell mit folgenden Verhaltensempfehlungen:

  • mit Erkältungsanzeichen zu Hause bleiben und Besuche in Krankenhäusern unterlassen
  • große Menschenmassen vermeiden
  • häufiges und gründliches Händewaschen
  • beim Niesen Mund und Nase bedecken

Zusätzlich empfiehlt die Regierung allen Arbeitgebern, ihren Mitarbeitern Homeoffice zu ermöglichen, gestaffelte Arbeitszeiten zu erlauben, um die Rush-Hour in Zügen zu vermeiden, und sicherzustellen, dass Mitarbeiter mit Erkältungssymptomen Krankheitstage nehmen können.

Masken und Handdesinfektionsmittel sind ausverkauft, was zum Teil zu kreativen DIY-Lösungen aus selbstgenähten oder zusammengetackerten Papiertüchern/Kaffeefiltern etc. führt. Was ihre Masken angeht, werden Japaner wohl an einem wunden Punkt getroffen, wenn es hierbei zu Lieferengpässen kommt. Experten weisen jedoch immer wieder darauf hin, dass eine gründliche Handhygiene sehr viel effektiver ist, als das Tragen von Gesichtsmasken. Masken helfen allerdings, sich gerade unterwegs nicht ins Gesicht zu fassen und damit Krankheitserreger zu verteilen. Solange wir noch Masken im Haus haben, benutze ich sie daher für Fahrten mit der Bahn, achte aber vor allen Dingen bei uns allen auf häufiges Händewaschen.

Abgesehen davon verfolgen wir aufmerksam die Berichterstattung und versuchen, uns nicht unnötig zu beunruhigen.

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2 Gedanken zu “Nachholbedarf

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