Beängstigend und beeindruckend

Uns war immer bewusst, dass wir mitten im südhessischen Deutschland sehr gut aufgehoben waren, was das Wetter und seine Auswirkungen angeht. Nicht nur wurden wir mit vielen sonnigen Tagen im Jahr verwöhnt, die Temperaturen waren in beide Richtungen für gewöhnlich angenehm zu ertragen. Aber noch viel wichtiger: wirkliches Katastrophenwetter gab es nicht. Das Schlimmste waren Starkregen und mal ein Sturm, der zwar auch im Einzelfall gefährlich austeilen konnte, aber nichts war gegen zum Beispiel einen ausgewachsenen Taifun.

Faxai

Ende letzter Woche begannen die Warnmeldungen und Informationen. Bereits da war klar, dass der 15. Taifun diesen Jahres und unser erster nicht, wie seine Vorgänger, an Tokio vorbei ziehen würde, sondern mitten durch die Stadt hindurch. Die Kindergartenleitung informierte uns, dass Montag geschlossen bleiben müsste und die Bahnbetreiber teilten mit, dass der öffentliche Nahverkehr erst um 8.00 Uhr morgens wieder aufgenommen werden würde, was eine kühne Fehlkalkulation werden sollte, denn Faxai übertraf alle Vorhersagen. In großen Teilen des Landes richtete er großen Schaden an und forderte mindestens drei Leben. Für uns war das Ausmaß des Taifuns zum Glück nur sehr wenig zu spüren. Wir wurden vom Tosen des Sturms und heftigen Regens geweckt und mussten mit den Kindern ein wenig Tetris in der Wohnung spielen, bis alle wieder einigermaßen schlafen konnten, aber mehr hat das Nest nicht abbekommen. Benni konnte am nächsten Morgen in zwar sehr vollen Zügen und später als sonst, aber problemlos zur Arbeit fahren. Tausende Menschen, die sich auf die 8:00-Uhr-Ansage verlassen hatten, standen früher für lange Zeit in hoffnungslos überfüllten und um Teil gesperrten Bahnhöfen.

Die Ruhe nach dem Sturm – jetzt weiß ich erst wirklich, was das ist. Tokio strahlte ab mittags im Sonnenschein und verabschiedete den Tag mit einem unglaublichen Sonnenuntergang.

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Das durch den Sturm aufgewirbelte Wasser war noch Stunden nach Faxai grasgrün

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Erleichterung am Abend danach

Das war sicherlich der stärkste Eindruck unserer Woche, aber zum Glück haben wir auch wieder viel Schönes erlebt.

Ausgang

Der Elternabend zum Beispiel verlief erfreulich entspannt und endete nicht – wie so oft in Deutschland – in stundenlangen Diskussionen über vermeintliche Probleme. Ein halbe Stunde wurden wir von den Erziehern über die jeweilige Gruppe und ihren Plan für die nächsten Monate informiert, dann traf man sich bei Wein und Häppchen zu ungezwungenem Austausch in der großen Runde. Für mich der erste Abend seit Wien im Juni, den ich ohne Kinder „draußen“ war. Besonders schön war auch die Heimfahrt mit dem Mamachari durch die so vielseitig beleuchtete Stadt.

Home

Heimweg

Ein bisschen Tierwelt haben wir auch wieder in unsere Unternehmungen eingebaut. Benni und ich – beide große Katzenfreunde – waren letzte Woche in einem Katzencafé in Harajuku. Ohne Kinder, denn die dürfen da noch nicht rein. Schade für die beiden, aber sicher im Sinne der Fellbündel. In einem gemütlichen Raum konnte man sich entweder einen Platz suchen oder den Bewohnern an ihren Plätzen rücksichtsvoll Gesellschaft leisten. Für die Tiere gab es durch unter der Decke verlaufenden Ebenen und einen Ausgang in Form einer Katzenklappe ausreichend Rückzugsmöglichkeiten, so dass sie tiefenentspannt waren und ihre Gäste hoheitsvoll empfangen konnten.

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Das Katzenwohnzimmer

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Alles im Blick

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Katzenwege

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Ein bisschen Bestechung

Noch mehr Tiere gab es am Samstag, diesmal auch wieder mit Bube und Dame. Durch die gerade bei Benni noch ziemlich ausgeprägte Erkältung ließen wir das eigentliche Ziel Skytree, den höchsten Aussichtspunkt Tokios, nochmal aus. Bei einer Aufzugfahrt auf 450 Meter will man freie Nebenhöhlen haben. Statt dessen haben wir uns das Sumida Aquarium im gleichen Komplex angesehen. Zwar sehr klein im Vergleich zu anderen Aquarien, ist Sumida allerdings sehr schön angelegt. Auf zwei Ebenen finden sich vor allen Dingen Quallen, Pinguine, Seehunde, Goldfische und bizarre kleine Aale, die wie Grashalme aus dem Meeresboden schauen. Es gibt keine festen Wege, man kann die Aquarien aus verschiedenen Blickwinkeln oder Richtungen ansehen und die Atmosphäre ist angenehm ruhig trotz vieler Besucher.

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Hausputz bei den Pinguinen

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Mal wieder Kingyo

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Ein Fischgarten

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Tokyo Skytree – nächstes Mal von oben

Sonntagabend – man soll es kaum glauben – hatten wir Dinner Reservations. Mit dem momentan sehr anstrengenden Buben, wenn es um Ruhe und Ordnung geht, haben wir uns noch nicht in ein Restaurant getraut, seit wir hier sind. Noch in Roppongi hatte ich einen Flyer von einem Restaurant gefunden, das einmal im Monat Family Dinner anbietet mit Kindermenü, Küchenführung und Eis zum selbst Verzieren. Zu unserem Glück war es obendrein ein ganz großartiges Restaurant mit fantastischem Essen und somit ein gelungener Abend.

Seelenbeben

In einem meiner ersten Beiträge nach unserer Ankunft hatte ich dem Mori Art Museum in den Roppongi Hills versprochen, in Ruhe wieder zu kommen. Heute war es endlich soweit, ich habe mir die Ausstellung „The Soul Trembles“ von Shiota Chiharu angesehen. Da musste ich erst nach Tokio kommen, um etwas von der seit 23 Jahren in Deutschland lebenden japanischen Künstlerin kennen zu lernen. Mit gewebten Netzen und Gespinsten aus farbiger Wolle stellt Chiharu ihre Vorstellung von Existenz und Gefühlen dar. Ihre oft raumfüllenden Installationen sind sehr beeindruckend und wunderschön.

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Besonders berührt hat mich „Accumulation – Searching for the destination“, ein Meer aus Koffern an roten Schnüren, die für viele Kofferbesitzer und ihre Gründe, ihre Heimat zu verlassen, stehen.

People leave their hometowns with a destination in mind. Living among people of different nationalities, you suddenly forget that you are Japanese. Looking at yourself reflected in a mirror, you realize for the first time that you have black hair and black eyes.

The further you drift and the more you mix, the more you arrive at a place that allows you to stare hard at yourself, anew.

When I look at a heaping pile of suitcases, all I see is a corresponding number of human lives. Why did these people leave the place they were born, in search of some destination? Why did they go on this voyage? I think back on the feelings of these people on the morning of their departure. – Shiota Chiharu

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